Dienstag, Juni 26, 2012

Von der Lese-/Schreibkultur zurück zur Sprachkultur?

Vor einigen Jahrhunderten war in vielen Gesellschaften nur eine sehr kleine Gruppe der Bevölkerung in der Lage lesen und schreiben zu können. Geschichten und Neuigkeiten wurden in der Regel eher von Mensch zu Mensch per Sprache übermittelt. Redner oder Erzähler an Kaminfeuern, auf Versammlungsplätzen oder in Theatern waren die Übermittler von Überlieferungen und Informationen.

Der Weg zur Lese-/Schreibkultur
Durch den Buchdruck und die gesellschaftlichen Veränderungen, die diese Technologie begleiteten, hat sich die menschliche Welt in weiten Teilen zu unserer modernen, globalen Zivilisation entwickelt. Es hat insbesondere in den industrialisierten Regionen der Erde eine vollständige Umorientierung in Bezug auf die alltägliche Weitergabe von Geschichten und Informationen stattgefunden. Wir sind über Jahrhunderte hinweg zu Gesellschaften mit einer starkt ausgeprägten Lese- und Schreibkultur geworden. Letztendlich war geschriebenes Wort auf Papier ein ideales Mittel, um Informationen jeglicher Art über Generationen hinweg und vervielfacht verfügbar zu machen.

Da die Darstellung von Geschichten als Bildform sehr lange Zeit (und zum Teil noch heute) als in der Produktion zu aufwendig und im Druck zu kostspielig galt und gilt, wurde und wird überwiegend auf einfache Buchstaben als Informationstransfer-Code zurückgegriffen. Geschriebenes Wort zählt in vielen Fällen mehr als das gesprochene Wort. Es gibt viele Menschen, die auf Papier geschriebenen oder gedruckten Worten mehr vertrauen, als den gleichen Worten in gesprochener Form. Vielleicht weil das Gesprochene so flüchtig ist und man die Information auf Papier immer wieder "überprüfen" kann.

Das ginge schon seit Jahren auch anders. Aber moderne Informationstechnologien zur Geschichten- und Informationsdarstellung, wie Audio- und Videoaufnahmen haben in weiten Kreisen der Gesellschaft noch nicht die seriöse Etablierung gefunden, wie das geschriebene Wort. Die Industrien, die sich um das gedruckte Wort etabliert haben, kämpfen auch mit vielen Mitteln dafür, das dies so bleibt und sie nicht an Bedeutung verlieren. Das tun sie aber dennoch – eine Veränderung findet auch dann statt, wenn man es nicht wahrhaben will.

Dies ist sicherlich ein Phänomen, welches Wissenschaftler verschiedener Fachrichtungen ebenso verschieden beschreiben und erklären können. Darauf werde ich hier nicht weiter eingehen.

Die neue Lese- und Schreibfaulheit
Nun habe ich in den vergangenen Jahren häufig von einer Verarmung der Lesekultur und einer gewissen Lese- und Schreibfaulheit der nachwachsenden Generationen gehört und gelesen. Videos und Fernsehsendungen sind für einen zunehmenden Anteil von Menschen wichtiger geworden als gedruckt, geschriebene Geschichten oder Informationen. Und selbst dort, wo noch Text eingesetzt wird, verändert sich die Nutzung. In Chats, bei SMS und in Tweets wird sich einer neuen, völlig verkürzten Sprache bedient und längere Texte in E-Mails oder bei Nachrichtentexten werden im Alltag immer seltener vollständig gelesen. Ebenso hat sich das Schreiben von Alltagstexten verändert: Häufig wird der Schwerpunkt auf eine kurze, geraffte Zusammenfassung von Informationen gelegt – was jedoch nicht nur auf die Nutzung von geschriebenen Texten in jüngeren Generationen zutrifft.

Die neue Hör- und Sprechkultur
Es scheint sich derzeit zudem eine Technologie zu etablieren, die in Kombination zu den schon vorhandenen audio-visuellen Orientierungen die bisher bekannte Lese- und Schreibkultur langfristig aushebeln könnte: die Spracherkennung als Mensch-Maschine Interface und SIRI als ihre derzeitige Galionsfigur.

Sobald wir und unsere Kinder uns daran gewöhnt haben, keine Texte mehr zu schreiben und zu lesen, um z.B. an Informationen im Web heranzukommen oder "Textnachrichten" nur noch zu diktieren, wird eine starke Veränderung der Bedeutung von geschriebenen Worten beginnen. Möglicherweise werden wir in Zukunft viele Informationen alleine über unsere Stimme abfragen können und die Ergebnisse ebenso auditiv wahrnehmen. Wir könnten uns auf technologisch hohem Niveau wieder in Richtung Sprachgesellschaft entwickeln. Dies muss nicht zwingend schlecht sein, denn evtl. ist das gesprochenen Wort ja doch nicht weniger wert, als sein geschriebenes Gegenstück – nur dessen Wertschätzung ist im Laufe der Jahrhunderte verkümmert.

Das ausgelagerte Gedächtnis
Etwas was uns vorangegangene Generationen jedoch voraus hatten – ein gutes Gedächtnis – werden wir wieder trainieren müssen. Ebenso werden wir wieder lernen müssen "besser zuzuhören". Alternativ werden wir uns aber vermutlich vollständig auf das virtuelle, technische Gedächtnis eines sich permanent verändernden "Weltwissens" im Web verlassen. Das ist vielleicht auch nur die moderne Form eines guten, erinnerungsstarken Redners auf dem Marktplatz oder einer gut sortierten Bibliothek.

Vermutlich sind wir nun technologisch an einem Punkt angekommen, zu dem die Informationstechnologie "geschriebenes/gedrucktes Wort" für die gesellschaftliche Entwicklung nicht mehr so wichtig ist (wie in zurück liegenden Jahrhunderten) und es "endlich" andere Mittel der Konservierung und Weitergabe von Geschichten und Informationen gibt, die selbst vor einigen Jahrzehnten noch für Science Fiction gehalten wurden ...

Versteckte Medien
Mir fällt es auch noch schwer, mir quasi unsichtbare IT-Interfaces vorzustellen. Interaktive Medien, die nicht mehr haptisch sondern auditiv aufgebaut sind. Informationstechnologie, die als kleines Interface irgendwo im Raum oder am Körper positioniert ist und auf gestellte Fragen mit passenden Antworten daher kommt. Aber auch an eine solche Technologie werden wir uns schnell gewöhnen. Ganz ähnlich wie es nach der Einführung von Mobiltelefonen in den 1990ern oder Smartphones in den vergangenen Jahren der Fall war.


P.S.: Diese Veränderung wird in Bezug auf Geräte- und Softwarebedienung bzw. die Beschaffung von Informationen einige sehr relevante Umorientierungen mit sich bringen. Aber darauf werde ich voraussichtlich ein anderes Mal eingehen.


Anmerkung zum Inhalt: der Text wurde am 28.06.2012 nachträglich verändert und ergänzt.

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