Posts mit dem Label Gedrucktes werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Gedrucktes werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Sonntag, Juli 22, 2018

Zukunftsoptionen der Medienhäuser

Bei einem Virtual-Reality-Workshop vor einigen Wochen wurde ich gefragt, wie ich mir die Zukunft von Verlagen und anderen Medienhäusern vorstelle, in einer Welt mit steigender Vielfalt an Medientechnologien. Meine spontane Antwort war: Vielfältig und multimedial.


Geschichtlicher Rückblick

In der darauf folgenden Erläuterung führte ich weiter aus, dass es mit Blick auf die Mediengeschichte der Druckerzeugnisse und der darauf folgenden Erfindungen wie Telegraf, Fotografie, Schellackplatte, Radio, Film und Fernsehen, die als eigenständige Medien-Technologieentwicklungen angesehen werden können, durchaus für eine gewisse Zeit sinnvoll war, diese Medienformen zu unterscheiden und jeweils passende Erzählformen zu etablieren. Ebenso sinnvoll war die Gründung entsprechender Medienhäuser und die Ausbildung von kompetenten Fachleuten mit Expertenwissen.

Mit zunehmender Digitalisierung von Daten und Medieninhalten seit Mitte der 1980er Jahre und insbesondere seit Etablierung der sogenannten "Social Media" Kanäle auf Grundlage des Internets in den 2000er Jahren hat sich dies aber verändert. Durch die mittlerweile nahezu durchgängige Digitalisierung von Inhalten (von der Erstellung bis zur Distribution), hat man eine gemeinsame technische Plattform als digitalen Medienträger (statt unterschiedlicher Trägerformate). Zudem sind extrem viele Werkzeug in Medienunternehmen Computer basierte, digitale Werkzeuge – und somit grundsätzlich nutzbar für die Erstellung und Bearbeitung unterschiedlichster Medieninhalte.

Mit dem Internet und insbesondere dem World-Wide-Web existiert seit spätestens Mitte der 1990er Jahre eine quasi permanent verbindende Infrastruktur für diverse, gleichzeitige Medienkanäle über die mittlerweile sowohl Text/Bild, Podcasts, E-Books, iP-Radio, Video-Streams, iP-TV, AR, VR und diverse andere digitale inhaltliche Formate gleichzeitig distribuiert werden können.

Grafik: Konvergenztendenzen durch digitale Medien. Leicht modifizierte Version von 2015 (die Originalversion "Konvergenztendenzen durch Multimedia" wurde 1995 erarbeitet): Hypothese eines digitalen Konvergenzträgers, die spätestens mit Einführung moderner Smartphones bestätigt wurde. Urheber: K. Heddergott und C. Steinhard. 


Für auditive, visuelle und einige haptische Reize haben wir schon gute bis nahezu perfekte digitale Übertragungsformen und Interfaces entwickelt. Aber zwei Sinnesreize sind noch nicht oder nur ungenügend digitalisierbar. Für olfaktorische und gustatorische Reize sind noch keine guten Ein-/Ausgabe-Interfaces für den Analog-Digital-Analog-Transfer vorhanden.

Grundsätzlich gilt schon jetzt: Die ehemals getrennten Elemente Text, Bild, Ton, Bewegtbild sind schon jetzt über ein etabliertes Ausgabemedium parallel nutzbar (z.B. Smartphone) und es ist sinnvoll, die jeweils günstigste Erzählform für eine Geschichte bzw. den Versuch einer Informationsvermittlung zu wählen. Mit der Einführung von moderner Virtual-Reality-Technologie wurde zusätzlich noch die visuelle und auditive dreidimensionale Verortung im Raum und ein gewisses haptisches Feedback möglich.

Die Fähigkeiten der oben erwähnten Experten werden auch weiterhin benötigt – nur mittlerweile deutlich vernetzter und weniger alleinstehend. Alle Experten müssen dafür über ihren bisherigen "Tellerrand" hinausschauen und eine Vielzahl paralleler Entwicklungen im Blick behalten, die auf die eigene Arbeit Einfluß haben und diese zum Teil sogar disruptiv verändern können.

Gegenwärtige Entwicklungen

Völlig unabhängig davon, aus welchem geschichtlichen Hintergrund heraus ein Medien- bzw. Verlagshaus entstanden ist, sind theoretisch alle Kanäle bespielbar. Einige große ehemals auf den Medienkanal Fernsehen ausgerichtete Medienhäuser machen das schon sehr gut vor, wie am Beispiel der vielfältigen Angebotskanäle der Tagesschau zu sehen ist. Die jeweiligen Sendungen werden zusätzlich mit Texten, Bilden, Infografiken, Videos, Links etc. weit über den eigentlichen Sendetermin des ehemalig zeitlich begrenzten Programmpunkts hinaus begleitet und über verschiedene Kanäle (TV, Webseite, Smartphone-App, iP-TV-App, Teletext, Youtube, u.a.) zeitlich und örtlich unabhängig zugänglich gemacht.

In manchen Medienhäusern fehlt jedoch, trotz Leidensdruck durch abnehmende Nutzerschaft, noch der Mut zur Veränderung und zur ernsthaften Anpassung an die modernen Wünsche der Rezipienten bzw. Nutzer. Schon längst sind Text, Bild, Ton, Video, interaktive Grafiken, Augmented Reality und sogar Web-Virtual-Reality gleichberechtigt nebeneinander nutzbar.

Mögliche zukünftige Ausrichtungen

Es gibt in den Extremausprägungen also grundsätzlich nur zwei sinnvolle Ansätze für Medienhäuser:
  1. Vollständig ganzheitlich multimediale Ausrichtung mit Publikationen über möglichst viele Distributions-/Medienkanäle hinweg und dem Einsatz diverser Monetarisierungsmodelle mit bestmöglichem Preis/Leistungsverhältnis für den Kunden bzw. Nutzer (eher für größere Unternehmen)
  2. Extreme Spezialisierung mit sehr eingeschränkter Anzahl an Distributions-/Medienkanälen und ebenfalls dem Einsatz diverser Monetarisierungsmodelle mit bestmöglichem Preis/Leistungsverhältnis für den Kunden bzw. Nutzer (eher für kleine Unternehmen)

Sicherlich ist auch eine unendliche Menge an Optionen zwischen diesen Extremen denkbar. Diese erfordern allerdings eine sehr überlegte Definition der eigenen Positionierung und insbesondere Antworten auf die Fragen nach dem "Warum gibt es unser Angebot?" und "Worin liegt unsere Besonderheit?". Damit einhergehend, muss die Leitung eines solchen Hauses gut erklären können, wieso der gewählte Weg für die Kunden bzw. Nutzer UND das Unternehmen der passende Weg ist.

Allen erfahrenen Medienexperten ist klar, dass es nicht zuerst auf das Trägermedium ankommt, so sehr man persönlich auch ein bestimmtes Medium bevorzugen mag oder unbedingt eine moderne Variante wählen will. Die größte Bedeutung fällt dem Inhalt zu, den man zugänglich machen möchte und der Entscheidung wie man diesen, mit Rücksicht auf das jeweilige Nutzungsszenario, der anvisierten Nutzerschaft gut vermitteln kann. Ähnlich wie beim Design sollte üblicherweise die Form (das Medium) der Funktion (dem Inhalt bzw. dem thematischenVermittlungsziel) folgen. Hauptsächlich künstlerisch motivierte Arbeiten seien hier einmal explizit außen vor gelassen.

Vom gesprochenen Wort bis zur virtuellen Realität

Unter Umständen ist z.B. ein Podcast, also das gesprochene Wort, die sinnvollere und erfolgreichere Version eines Textes, nicht das gedruckte Wort. Unter anderen Unständen kann aber auch die multimediale Entwicklung eines Virtual Reality Erlebnisses der richtige Weg sein, um ein komplexes oder sensibles Thema konzentriert, räumlich und nachhaltig erfassbar zu machen.

Je nachdem, wie ein Medienhaus in Zukunft aufgestellt ist, wird die Auswahl und Nutzung des passenden Mediums oder die Entscheidung, sich eines Inhalts bzw. Themas anzunehmen, unterschiedlich leicht fallen. Umso klarer die oben erwähnte Positionierung ist, desto einfacher werden diese Entscheidungen für alle Mitarbeiter*innen und die Führungsebene sein und desto zufriedener werden voraussichtlich die Nutzer bzw. Kunden der angebotenen Produkte und Leistungen sein.

Mittwoch, Juni 03, 2015

Mediennutzungszeit – Internet basierte Medien vs. klassische Medien

Der Informationsservice von Statista scheint mich gerade mit (zum Kommunikation 2020 Blog) passenden Infografiken füttern zu wollen. Der heutige Infografik-Newsletter hatte die Veränderungen in der Nutzungszeit von klassischen vs. Internet basierte Medien als Inhalt.

Sichtbar ist, dass den klassischen Medien (TV, Zeitungen/Zeitschriften, Radio, Kino) von 2010 bis 2014 insgesamt weniger Nutzungsdauer zukommt, während die für "das Internet" aufgebrachte Zeit steigt.

Dabei sollte allerdings berücksichtigt werden, dass in den 65 Ländern, die als Grundlage für die Erhebung herangezogen wurden, die Nutzungsdauer für die Gruppe der klassische Medien noch deutlich über der gemessenen bzw. angegebenen Nutzungszeit für Internet basierte Medien liegt. Dies könnte aber auch daran liegen, dass in der Gruppe der klassischen Medien auch Radio und TV vertreten sind, die u.a. als "Nebenbei"-Medien betrachtet werden können. Inwieweit die entsprechenden Gegenstücke bei den Internet basierten Medien mitgerechnet wurden wird nicht klar.

Dennoch eine beachtenswerte Infografik, die Tendenzen sichtbar macht, aber auch einige Fragen nach den tatsächlich gemessenen Daten aufwirft. 

Grafik: Internet wächst auf Kosten traditioneller Medien (Quelle: ZenithOptimedia & Statista)


Mehr Infografiken finden Sie bei Statista

Freitag, Januar 18, 2013

Wird es 2020 noch hochwertige digitale Inhalte geben?

Da das neue Jahr mal wieder eher ruhig begonnen hat, gibt es für mich etwas Zeit, um einen kurzen Blick auf ein paar Themen der zurückliegenden Monate zu werfen, die für einen Blog über die Entwicklungen im Bereich digitale Medien relevant waren.

2012 war ein Jahr, in dem in Deutschland diverse Diskussionen zur Zukunft von Zeitungen und ihren Machern geführt wurden. Somit konnte ein Beobachter der Medien nicht umher, diverse Debatten zu Qualitätsjournalismus, Urheberrechten und Zeitungssterben zu verfolgen. Ob es dabei tatsächlich um die Qualität der Inhalte ging und geht, will ich an dieser Stelle nicht bewerten. Es geht aber bestimmt darum, dass sich alte Denkmuster und Geschäftsmodelle scheinbar nicht mehr halten können. Und es geht um eine Veränderung in den Nutzungsmustern der Rezipienten von analogen und digitalen Inhalten – eine Veränderung die zum Teil schon stattgefunden hat, aber auch weiterhin stattfindet.

Ich werde mich hier weder als Kommentator der verschiedenen Positionen versuchen, noch ein Urteil über die verschiedenen Diskussionsteilnehmer fällen. Diskussionen und Debatten, die zu einem gesellschaftlichen Wandel geführt werden, sind in heutiger Zeit (und waren sie schon immer) wichtig und sollten deswegen auch über verschiedene Kommunikationskanäle hinweg geführt werden. Eventuell ist es somit möglich, viele Menschen mit der Debatte zu erreichen und zu neuen Erkenntnissen zu gelangen.

Wertschätzung
Ein wesentlicher Punkt, der mir in all dem, was ich gelesen, gesehen und wahrgenommen habe, aufgefallen ist, war die Frage nach der zukünftigen Bezahlung für inhaltliches oder künstlerisches Arbeiten. Und dies ist grundsätzlich eine Frage nach der Wertschätzung von Arbeit.

Die Frage nach einem zukunftsfähigen System für die Honoration von geistiger Arbeit ist auch durchaus wichtig. Ein Autor, Künstler oder Programmierer hat heute zwar mehr Möglichkeiten ein Publikum zu erreichen, aber dies bedeutet noch lange nicht, dass ein Vertreter dieser Berufsgruppen auch seinen Lebensunterhalt mit diesem Erreichen von Öffentlichkeit verdienen kann, wenn niemand bereit ist, für die geleistete Arbeit zu bezahlen. Skaliert man dies nun auf einen riesigen Apparat wie einen Verlag, verzigfacht sich dieses Problem und sehr viel mehr Existenzen hängen an der Bereitschaft zu geldwerter Honorierung.

Die scheinbar sinkende Bereitschaft, den Machern von hochwertigen Inhalten oder digitalen Werkzeugen eine Wertschätzung in Form von Bezahlung entgegenzubringen, könnte dazu führen, dass die noch vorhandenen Vielfalt von hochwertigen Zeitungen, Magazinen, Büchern, Software, etc. pp. sehr bald versiegt. Ein Autor, der mit seinen Texten nichts mehr verdienen kann, wird bald auch keine mehr schreiben – egal wie gut diese waren und wie gerne er weiterhin schreiben will. Ein Programmierer von Apps, der keinen Cent für seine Arbeit erhält, wird keine weiteren Apps mehr anbieten. Ein Grafiker oder Fotograf, der nur positive Kommentare, "warme Worte" und "likes" als Anerkennung für seine Arbeit und sein Talent erhält, wird auf andere Art seine Brötchen verdienen müssen – egal wie beeindruckend seine Illustrationen, Grafiken oder Fotos waren. All diese bisher professionellen Kreativen werden mehr Zeit in einen anderen Broterwerb investieren müssen und weniger Zeit für die Entwicklung ihrer Talente haben.

Warum die hochwertigen Inhalte aussterben
Wenn die nachrückenden Generationen feststellen werden, dass man mit solcher (kreativer) Arbeit und egal welchem Talent kein Geld (mehr) verdienen kann, wird es kaum noch Nachwuchs in diesen Bereichen geben – solange, bis eine solche Tätigkeit wieder als etwas Besonderes gilt, dem man auch finanziell Wertschätzung entgegen bringen sollte.

Derzeit glaube ich, dass wir im Jahr 2020 zwar ein technische Weiterentwicklung von Geräten zur Darstellung von Inhalten finden werden, jedoch die hochwertigen Inhalte aufgrund ihres Werteverlustes und des damit verbundenen Verschwindens vieler Macher kaum noch zu finden sind. Stattdessen wird es eine Vielzahl dilettantenhafter Inhalte geben, ein unendliches Heer von unsäglichen Einträgen in Sozialen Netzwerken und kaum noch etwas, über das wir wirklich eine Art erweiterten Blick erhalten.

Erst wenn die Verlage es hinbekommen, den Käufern und Lesern von Zeitungen, Magazinen oder Büchern klarzumachen, dass Sie nicht für das Papier bezahlen, sondern für die Inhalte (also Hintergrund-Artikel, Tipps, Impulse, Impressionen und Perspektiverweiterungen) dann wäre die Existenzgrundlage für Autoren und Verlage gesichert.

Neue Konzepte
Als Apple im iTunes Store die Auflösung von Alben in Sammlungen einzelner Titel betrieben hat – was einige Fans von Künstler-Alben empörte – konnte eine große Zahl von Nutzern der Plattform dazu bewegt werden, einzelne Titel zu kaufen statt ganze Alben über "graue" Wege zu klauen. Für Zeitschriften oder Zeitungen würde die Adaption dieser Logik bedeuten, sowohl das Sammelwerk anzubieten, wie auch den Kauf von einzelnen Artikeln zu ermöglichen. Als Bonus wäre dann noch eine "Magazin vervollständigen" Funktion hilfreich. Wenn ein Leser eh schon die Hälfte des Magazin-Preises für eine Auswahl von Artikeln bezahlt hat, liegt die Vervollständigung ab und zu schon nahe.

Der Lonely Planet Verlag (das englische Original, nicht der deutsche Vertriebspartner) hat dies scheinbar schon verstanden und bietet sogar seine Reiseführer als modulare eBooks an. Aber dies ist noch ein Einzelfall.


Wenn Verlage sich also von dem zwanghaften Verkauf von Inhaltssammlungen (was Zeitungen und Magazine nun einmal sind) in den digitalen Versionen verabschieden würden und die Inhalte ihrer Autoren auch modular (quasi als "Lose Blattsammlungen") verkaufen würden, wäre zum einen klar, dass nicht das Heft oder Buch gekauft wird, sondern die Artikel (also die Inhalte) und zum zweiten wären vielleicht mehr Leser bereit z.B. einen Leitartikel als einzelnes "Produkt" zu erwerben.

Dieses Prinzip könnte sogar für Fachbücher oder Sammelwerke eingesetzt werden, um damit auch einzelne Kapitel zu monetarisieren. Dieses Konzept haben externe Anbieter wie der deutsche eBook Anbieter "paperc" oder das englische Portal "Reference Tree" auch schon aufgenommen und zum Geschäftsmodel gemacht. Beiden Lösungen fehlt aber noch der "Buch vervollständigen" Button.

Ein positiver Nebeneffekt bei einem solchen Konzept wäre für die Verlagsleitungen, dass dadurch auch klar wird, für welche Artikel die Leser bereit sind Geld auszugeben. Aber auch die Autoren würden somit eine Möglichkeit erhalten, Artikel anzubieten, die sich über ihren Verkaufsrang positiv auf das Honorar bzw. das Gehalt auswirken.

Mit der Zehnerkarte zum Inhalt
Eine weitere Idee, die wir in der projektwerft diskutiert haben, ist ein System in dem ein Leser z.B. Zehnerkarten für digitale Artikel seines Lieblingsmagazins kaufen kann. Ähnlich den Rabattkarten, die es früher im Schwimmbad gab, gibt es dann eine "digitale" Zehnerkarte mit zehn Pin-Codes, die der Leser für den Kauf von Artikeln einsetzen kann. Und zwar auch über mehrere Wochen oder Monate verteilt, wenn er das will. Schön wäre dabei allerdings auch eine Verlagsübergreifende "LeserKarte".



Für eine Rabattierung könnten entsprechende Staffelungen eingeführt werden: Ich kaufe eine Zehner-, Fünfziger- oder Hunderter-Karte und kann sie per Pin-Codes oder mit einem anderen Transferverfahren für diverse Zeitungs-, Zeitschriften- oder sogar Buchartikel einsetzen.

Wenn so etwas auch noch über Verlagsgrenzen hinweg funktionieren würde, wäre das natürlich noch benutzerfreundlicher. Dafür benötigt man dann allerdings ein unabhängige Verkaufsstelle, bei der die Kunden die "LeserKarte" kaufen und die Verlage die eingelösten Codes wieder in handelsübliche Zahlungsmittel umwandeln können. Vermutlich ist da eine Verlagsinterne Lösung der zunächst einfachere Weg.

Wie würden Leser von digitalen Inhalten wohl zum Beispiel mit einer Gruner + Jahr "LeserKarte" umgehen? Einzelne GEO Artikel digital kaufen? Einen STERN Leitartikel digital kaufen? Ein ELTERN Themen-Dossier digital kaufen? Ein SCHÖNER WOHNEN Einrichtungs-Dossier digital kaufen? Oder darf man doch nur Leser dieser Inhalte werden, wenn man die ganzen Hefte zu kaufen bereit ist?

Das Scheitern von alten Bezahlmodellen
Solange aber noch zwanghaft an alten Abomodellen und dem ausschließlichen Verkauf in Inhaltssammlungen festgehalten wird (damit sind insbesondere Zeitungen, Magazine und Sammelbände gemeint), kann sich nichts verändern und der Trend zur wilden Suche per Google und Co. nach einer alternativen Information bleibt bestehen.

Sicherlich gehöre ich hier wieder zu einer Art Avantgarde, die zwar bereit ist, Geld für gute Inhalte auszugeben – egal ob diese analog oder digital daher kommen – aber nicht mehr bereit ist sich veralteten, scheinbar unsinnigen Bezahlmodellen zu unterwerfen.

Wenn ich gezwungen werde ein Miniabo für einen festgelegten Zeitraum abzuschließen, wenn ich eigentlich nur einen Artikel lesen will, bin ich erstmal weg.

Wie wird das dann erst von den nachwachsenden Generationen wahrgenommen? Was würde wohl Lukas zu den noch üblichen Abomodellen und Heftverkäufen sagen?

Moderne Bezahlkonzepte nutzen oder weiterentwickeln
Eventuell liegt das Problem also eher in den Möglichkeiten der geldwerten Wertschätzung, die Nutzer heutzutage haben, um "digitale" Autorenleistungen im Web zu honorieren.

Noch wichtiger sind jedoch modernere Bezahlkonzepte für Medienplattformen wie iPad, iPhone oder die vielen anderen mobilen Gegenstücke zum "klassischen" Web. Der heftweise Verkauf oder das scheinbare Aufzwingen von Abomodellen ist nicht der richtige Weg, um die Nutzer dazu zu bewegen, Verlags- und Autorenarbeit im Jahr 2013 monetär wertzuschätzen.

Der sinnvolle Einsatz von Micropayment-Konzepten ist gefragt. Und wenn Unternehmen wie Apple diesbezüglich nicht flexibel genug sind, muss ein Verlag nach anderen Wegen suchen, damit eine gewisse Flexibilität bei der Zahlung möglich wird. An dieser Stelle ist dann die Kreativität in Verlagshäusern auf eine ganz andere Art gefordert. Die Kunst des Schreibens und Kommentierens reicht hier nicht.

Den Blick erweitern
Statt also über Veränderungen in der Gesellschaft in einengenden Argumentationsräumen zu debattieren ist es vermutlich sinnvoller, sich die aktuelle "Weltkarte der Medien" anzuschauen und neue Pfade zu den Kunden zu entdecken, sowie diese auszubauen und sich nicht nur auf die alten Handelswege zu verlassen. Bei der Entdeckung und dem Ausbau neuer Handelswege in der fernen Vergangenheit ist man allerdings auch nicht anders zum Erfolg gelangt, als damit, die neuen Routen letztendlich auszuprobieren.

Diese eher bildhafte Metapher, mit in Weltkarten eingezeichneten Handelswegen, soll ein wenig den Blick für mögliche Denkansätze öffnen. Mir erscheint es manchmal sinnvoll, ein paar Jahrzehnte oder Jahrunderte in der Zeit zu reisen, um aktuelle, ausgetretene Gedankengänge zu verlassen.


Wie immer, freue ich mich über Kommentare mit Gegenpositionen und weiteren Anregungen für Lösungsansätze in diesem Themenbereich – die Betonung liegt hier aber deutlich auf LÖSUNGSANSÄTZE ;-)


Anm.: Der Blogeintrag wurde am 19.01.2013 noch etwas erweitert.

Donnerstag, September 06, 2012

Frösche, heißes Wasser und Medienkompetenz

Es gibt eine alte Forscher-Anekdote, die ein Experiment mit Fröschen beschreibt. So soll es so sein, dass Frösche, die in einem Wasserbad sitzen, welches spontan erhitzt wird, sofort aus dem Wasser springen. Frösche, die jedoch in einem Wasserbad sitzen, das sehr langsam erhitzt wird, bleiben so lange im Wasser sitzen bis sie zu Tode gekocht sind – sie bewegen sich nicht aus dem Wasser bis es zu spät ist.

Nun habe ich dieses Experiment noch nie selbst durchgeführt und im Web existieren durchaus Meinungen, die diese Behauptungen für nicht stimmig halten. Ich kann mir aber durchaus vorstellen, dass die Beschreibung des Experimentverlaufs einen wahren Kern hat und daher als Metapher durchaus geeignet ist.

"Information Overload"?

Bei der Betrachtung von einigen aktuellen, deutschsprachigen Publikationen zu den Themen "Internet" und "Neue Medien" könnte man den Eindruck bekommen, als wenn wir uns in unserer modernen Informationsgesellschaft im Bezug auf den viel beschriebenen "Information Overload" wie die Frösche im langsamen Erhitzungsbad verhalten: Unsere Aufmerksamkeit könnte bald zerkocht sein und wir haben es nicht einmal gemerkt, weil es so "langsam" passierte.

Aber ist das tatsächlich so? Eigentlich wird das Wasser gerade nicht langsam erhitzt, sondern die Temperatur sprunghaft von 20°C auf 50°C hochgedreht. Wir müssten also massenweise aus dem Wasser springen - also z.B. das Web mit seinen unendlich vielen und dispersen Infoquellen verlassen. Warum passiert das nicht?

Oder ist es vielleicht vielmehr so, dass nur die negativen Nachrichten und eine Art Panikmache in Bezug auf unkontrollierte Mediennutzung für Aufmerksamkeit sorgen, während die Geschichten über Menschen, die (moderne) Medien funktional und sinnvoll einsetzen, keinerlei Publikation oder Diskussion wert sind.

Internet-basierte Medien

Häufig wird bei der Kritik an der Nutzung des Internets ebenfalls vergessen, dass wir hier von einer Vielzahl sehr unterschiedlicher Medien sprechen und nicht nur von einem einzigen Medium.

"Das Internet" bzw. "das Web" ist nur eine technische Infrastruktur, die eine Nutzung von verschiedenen digitalen Medien ermöglicht, ist also nur ein moderner Medienträger, der vielfältig genutzt werden kann. Ein Vergleich der technischen Plattform "Internet" mit dem Offsetdruck ist vermutlich ganz passend, da es sich bei dem Druckverfahren auch um eine Art Infrastruktur zur Erstellung von Medien (Buch, Zeitung, Plakat etc.) handelt.

Sinnvolle Diskussionen?

Eine Diskussion über die Nutzung moderner Medien ist sicherlich nicht falsch. Denn alles, was mit den digitalen, webbasierten Medien zu tun hat, ist noch lange nicht 100%-ig etabliert – auch wenn dies für einige von uns so scheinen mag. Selbst über die Nutzung von E-Mails (dem derzeit am häufigsten genutzten Internet-basierten Medium) wird noch diskutiert, was man von einem handgeschriebenen Brief wohl nicht mehr behaupten kann.

Die Diskussionen über einen gefährlichen "Information Overload" oder eine extreme Nutzung von Medien sind auch nicht ganz unbegründet. So viele revolutionäre Veränderungen im Informations-, Kommunikations- und Medienbereich, wie in den letzten zwei Jahrzehnten, gab es noch in keiner Lebenszeit vergangener Generationen. Kein heute lebender Mensch kann mehr alle ihm zur Verfügung stehenden Informationen auch nur ansatzweise aufnehmen, geschweige denn wirklich verarbeiten.

In der heutigen Zeit zählt insbesondere die gekonnte Selektion, Priorisierung und das Ausblenden von Informationen und Inhalten. Bei so vielen unterschiedlichen und sich permanent entwickelnden Informationen, Erkenntnissen und Meinungen ist dies durchaus eine Herausforderung für Menschen jeden Alters.

Die scheinbar größte Herausforderung ist allerdings die Definition von gemeinsamen Grundlagen für Wissen, Bildung und Ideologien – und eben deren Selektion und Priorisierung. Denn so individuell wir alle auch sind, wollen wir doch immer wieder Gemeinsamkeiten mit anderen Menschen teilen. Der Informations- und Wissenpool, der uns global zur Verfügung steht, ist allerdings schon lange nicht mehr überschaubar und taugt daher auch nicht mehr für eine Definition von "Allgemeinbildung" oder "normalen Fertigkeiten".

Da heutzutage nahezu jede Studie und jede Erkenntnis (zum Teil durchaus berechtigt) in Frage gestellt werden kann, ist es wichtig die Prozesse der individuellen Selektion von Informationen und der daraus resultierenden individuellen Meinungsbildung zu erlernen. Somit wird zumindest eine Grundlage für sinnvolle Diskussionen geschaffen, die nicht auf Rechthaberei basieren, sondern in denen verschiedene Standpunkte erörtert werden, mit dem Ziel gemeinsam neue Optionen und Erkenntnisse zu erzielen oder Problemlösungen zu entwickeln.

Kann man passendes Selektieren aber überhaupt lernen? Wie funktioniert das, wenn jeder Mensch eine andere Kombination aus Quellen nutzt und es kein Rezeptbuch für "richtiges" Selektieren gibt?

Flexible Unterstützung vs. feste Regeln

Wie jüngere Publikationen und Diskussionen im TV oder in Online-Medien vermuten lassen, arbeiten einige "gebildete" Autoren bzw. Diskussionsteilnehmer momentan darauf hin, dass gesetzliche Schranken aufgebaut werden sollen, die einen schädlichen Umgang mit neuen Medien verhindern sollen. Aber sind feste Regeln oder Verbote bei der Bildung von Medienkompetenz wirklich hilfreich?

Meine Erwartungen an alle "gebildeten" Menschen ist eher, dass sie andere Menschen, egal welchen Alters, bei der Entwicklung von Selektions- und Nutzungsprozessen unterstützen. Statt nach Verboten zu rufen, sollten sich meines Erachtens nach vielmehr die Rufe nach einer frühzeitigen Auseinandersetzung mit Medien jeglicher Art verstärken. Dabei sollten gedruckte Werke, Theateraufführungen und TV-Sendungen mit dem gleichen kritischen Blick betrachtet werden wie die noch sehr jungen digitalen Medien.

Wie in nahezu allen Lebensbereichen sind wir Menschen recht unterschiedlich in unserer Lernfähigkeit und benötigen zu unterschiedlichen Zeiten Unterstützung bei der Entwicklung neuer Fähigkeiten. Häufig genug können wir uns nicht einmal aussuchen, wann wir eine Fähigkeit erlernen, da dies von vielen äußeren Einflüssen abhängig ist. Dies sollte insbesondere bei der Erziehung von Kindern und Jugendlichen berücksichtigt werden.

Bei der Entwicklung von Medienkompetenz und insbesondere der Fähigkeiten zur Selektion und Zuordnung von Informationen sind daher gute, verantwortungsbewusste Beobachter und Unterstützer gefragt. Solche Menschen (egal ob Elternteil, Erzieher, Lehrer, Freund oder Coach), die Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen zur Seite stehen und noch weit vor dem Fall einer drohenden Überforderung sinnvolle Alternativen und Perspektiven anbieten können. Und dies nicht nur in Bezug auf die Nutzung von (neuen) Medien. Die Unterstützer sollten allerdings auch bereit sein, sich mit den neuen Inhalten und Herausforderungen wirklich auseinanderzusetzen. Veraltete Wertesysteme sind insbesondere im Fall der Ausbildung von Medienkompetenz fehl am Platz.

Sensoren für das heiße Wasser

Was nun die Metapher mit den Fröschen betrifft, gilt wohl, dass wir alle möglichst frühzeitig ein Gefühl für "Temperaturveränderungen" entwickeln sollten. Mit so einer Fähigkeit ausgestattet, könnten wir vermutlich schneller spüren, wann es zu heiß wird und wir unsere Informationsquellen (egal ob gedrucktes Buch, Online-News oder Facebook via Smartphone) zur Seite legen oder abschalten sollten, um wieder etwas abkühlen zu können ...

Hinweis: Der Artikel wurde am 02.03.2015 leicht überarbeitet.

Dienstag, Juli 10, 2012

Medienwolken als Lehrmaterial

Eine der Leser-Anfragen in den vergangenen Monaten hat uns besonders gefreut. Ich wurde gebeten, die Medienwolken-Grafik für ein Schul-Lehrbuch zur Verfügung zu stellen, welches insbesondere zur Erarbeitung von Medienkompetenz genutzt werden soll.

Abbildung – Lehrbuch: KombiKOMPAKT – Ausgabe N – Deutsch in der Oberstufe
Diese weitere Veröffentlichung unserer Kommunikation 2020 Projektergebnisse hat die projektwerft gerne unterstützt. Wie dem regelmäßigen Besucher dieses Blogs sicherlich aufgefallen ist, geht es mir und uns ja nicht nur um die Erweiterung von Medien- und Kommunikationskompetenz bei Erwachsenen, sondern insbesondere um den bewußten Umgang mit Medien und deren Entwicklung über alle Altersegmente hinweg.

Das Schulbuch "KombiKOMPAKT – Ausgabe N – Deutsch in der Oberstufe" des C.C. Buchners Verlags ist nun veröffentlicht worden und die darin behandelten Themen bieten auch einiges an "Nachhilfe-Stoff" für Medien-Interessierte, die dem schulpflichtigen Alter schon lange entwachsen sind. Somit kann es vermutlich auch ein perfektes Lehrbuch für die Erwachsenen-Weiterbildung in Bezug auf Medienkompetenz sein.

Nachtrag:
Das Lehrbuch hat im Jahr 2013 den Titel "Schulbuch des Jahres 2013" verliehen bekommen. Wir finden die Inhalte auch sehr nützlich. Daher auch einen herzlichen Glückwunsch an das Redaktionsteam und ein Dankschön dafür, dass wir einen ganz kleinen Teil dieser prämierten Inhalte beisteuern konnten.

Dienstag, Juni 26, 2012

Von der Lese-/Schreibkultur zurück zur Sprachkultur?

Vor einigen Jahrhunderten war in vielen Gesellschaften nur eine sehr kleine Gruppe der Bevölkerung in der Lage lesen und schreiben zu können. Geschichten und Neuigkeiten wurden in der Regel eher von Mensch zu Mensch per Sprache übermittelt. Redner oder Erzähler an Kaminfeuern, auf Versammlungsplätzen oder in Theatern waren die Übermittler von Überlieferungen und Informationen.

Der Weg zur Lese-/Schreibkultur
Durch den Buchdruck und die gesellschaftlichen Veränderungen, die diese Technologie begleiteten, hat sich die menschliche Welt in weiten Teilen zu unserer modernen, globalen Zivilisation entwickelt. Es hat insbesondere in den industrialisierten Regionen der Erde eine vollständige Umorientierung in Bezug auf die alltägliche Weitergabe von Geschichten und Informationen stattgefunden. Wir sind über Jahrhunderte hinweg zu Gesellschaften mit einer starkt ausgeprägten Lese- und Schreibkultur geworden. Letztendlich war geschriebenes Wort auf Papier ein ideales Mittel, um Informationen jeglicher Art über Generationen hinweg und vervielfacht verfügbar zu machen.

Da die Darstellung von Geschichten als Bildform sehr lange Zeit (und zum Teil noch heute) als in der Produktion zu aufwendig und im Druck zu kostspielig galt und gilt, wurde und wird überwiegend auf einfache Buchstaben als Informationstransfer-Code zurückgegriffen. Geschriebenes Wort zählt in vielen Fällen mehr als das gesprochene Wort. Es gibt viele Menschen, die auf Papier geschriebenen oder gedruckten Worten mehr vertrauen, als den gleichen Worten in gesprochener Form. Vielleicht weil das Gesprochene so flüchtig ist und man die Information auf Papier immer wieder "überprüfen" kann.

Das ginge schon seit Jahren auch anders. Aber moderne Informationstechnologien zur Geschichten- und Informationsdarstellung, wie Audio- und Videoaufnahmen haben in weiten Kreisen der Gesellschaft noch nicht die seriöse Etablierung gefunden, wie das geschriebene Wort. Die Industrien, die sich um das gedruckte Wort etabliert haben, kämpfen auch mit vielen Mitteln dafür, dass dies so bleibt und sie nicht an Bedeutung verlieren. Das tun sie aber dennoch – eine Veränderung findet auch dann statt, wenn man es nicht wahrhaben will.

Die Verdrängung oder Verleugnung von Veränderungstendenzen ist sicherlich ein Phänomen, welches Wissenschaftler verschiedener Fachrichtungen ebenso verschieden beschreiben und erklären können. Darauf werde ich hier nicht weiter eingehen.

Die neue Lese- und Schreibfaulheit
Nun habe ich in den vergangenen Jahren häufig von einer Verarmung der Lesekultur und einer gewissen Lese- und Schreibfaulheit der nachwachsenden Generationen gehört und gelesen. Videos und Fernsehsendungen sind für einen zunehmenden Anteil von Menschen wichtiger geworden als gedruckt, geschriebene Geschichten oder Informationen. Und selbst dort, wo noch Text eingesetzt wird, verändert sich die Nutzung. In Chats, bei SMS und in Tweets wird sich einer neuen, völlig verkürzten Sprache bedient und längere Texte in E-Mails oder bei Nachrichtentexten werden im Alltag immer seltener vollständig gelesen. Ebenso hat sich das Schreiben von Alltagstexten verändert: Häufig wird der Schwerpunkt auf eine kurze, geraffte Zusammenfassung von Informationen gelegt – was jedoch nicht nur auf die Nutzung von geschriebenen Texten in jüngeren Generationen zutrifft.

Die neue Hör- und Sprechkultur
Es scheint sich derzeit zudem eine Technologie zu etablieren, die in Kombination zu den schon vorhandenen audio-visuellen Orientierungen die bisher bekannte Lese- und Schreibkultur langfristig aushebeln könnte: die Spracherkennung als Mensch-Maschine Interface und SIRI als ihre derzeitige Galionsfigur.

Sobald wir und unsere Kinder uns daran gewöhnt haben, keine Texte mehr zu schreiben und zu lesen, um z.B. an Informationen im Web heranzukommen oder "Textnachrichten" nur noch zu diktieren, wird eine starke Veränderung der Bedeutung von geschriebenen Worten beginnen. Möglicherweise werden wir in Zukunft viele Informationen alleine über unsere Stimme abfragen können und die Ergebnisse ebenso auditiv wahrnehmen. Wir könnten uns auf technologisch hohem Niveau wieder in Richtung Sprachgesellschaft entwickeln. Dies muss nicht zwingend schlecht sein, denn evtl. ist das gesprochenen Wort ja doch nicht weniger wert, als sein geschriebenes Gegenstück – nur dessen Wertschätzung ist im Laufe der Jahrhunderte verkümmert.

Das ausgelagerte Gedächtnis
Etwas was uns vorangegangene Generationen jedoch voraus hatten – ein gutes Gedächtnis – werden wir wieder trainieren müssen. Ebenso werden wir wieder lernen müssen "besser zuzuhören". Alternativ werden wir uns aber vermutlich vollständig auf das virtuelle, technische Gedächtnis eines sich permanent verändernden "Weltwissens" im Web verlassen. Das ist vielleicht auch nur die moderne Form eines guten, erinnerungsstarken Redners auf dem Marktplatz oder einer gut sortierten Bibliothek.

Vermutlich sind wir nun technologisch an einem Punkt angekommen, zu dem die Informationstechnologie "geschriebenes/gedrucktes Wort" für die gesellschaftliche Entwicklung nicht mehr so wichtig ist (wie in zurück liegenden Jahrhunderten) und es "endlich" andere Mittel der Konservierung und Weitergabe von Geschichten und Informationen gibt, die selbst vor einigen Jahrzehnten noch für Science Fiction gehalten wurden.

Versteckte Medien
Mir fällt es auch noch schwer, mir quasi unsichtbare IT-Interfaces vorzustellen. Interaktive Medien, die nicht mehr haptisch sondern auditiv aufgebaut sind. Informationstechnologie, die als kleines Interface irgendwo im Raum oder am Körper positioniert ist und auf gestellte Fragen mit passenden Antworten daher kommt. Aber auch an eine solche Technologie werden wir uns gewöhnen. Ganz ähnlich wie es nach der Einführung von Mobiltelefonen in den 1990ern oder Smartphones in den vergangenen Jahren der Fall war.


P.S.: Diese Veränderung wird in Bezug auf Geräte- und Softwarebedienung bzw. die Beschaffung von Informationen einige sehr relevante Umorientierungen mit sich bringen. Aber darauf werde ich voraussichtlich ein anderes Mal eingehen.


Anmerkung zum Inhalt: der Text wurde am 28.06.2012 nachträglich verändert und ergänzt.

Montag, Januar 02, 2012

Digital goes Print – Unsere Arbeit findet weitere Verwendung

Wir (die projektwerft) freuen uns derzeit über die erste Fremdveröffentlichung der Medienwolken-Illustrationen in einem gedruckten Werk. Damit wir weitere Nutzergruppen für unser Kommunikation 2020-Projekt erreichen können, haben wir gerne einer Nutzung von Elementen der Medienwolken-Illustrationen in einer Publikation der Netzpiloten AG zugestimmt.

Das Booklet, in dem viele aktuelle Herausforderungen aufgrund des Wandels durch die verstärkte Nutzung digitaler, vernetzter Medien formuliert werden, ist nun seit Ende des Jahres 2011 veröffentlicht. Es ist unter dem Titel "Wir ohne Grenzen – Social Media in Firma und Familie" über die Netzpiloten AG erhältlich.

Eventuell erreichen wir somit noch mehr Menschen und können zu einer besseren Verdeutlichung der komplexen Entwicklung im Bereich der Medien und Kommunikation in den vergangen Jahrzehnten beitragen. Stellvertretend für unsere "große" Medienwolken-Illustration (1960 – 2010) wurden in dieser Druckversion die Studenten von 1980, 2000 und 2010/2012 dargestellt. Aus unserer Sicht, sieht man auch diesen jungen Herren sehr gut die Veränderung an, die in den vergangenen 30 Jahren stattgefunden hat.

Nahezu zeitgleich entsteht derzeit ein deutsches Schulbuch, für das wir auch eine angepasste Medienwolken-Grafik beitragen dürfen. Wir arbeiten auch an begleitendem Unterrichtsmaterial zu dem Thema. Dazu aber zu gegebener Zeit mehr Informationen hier im Blog und über die kommunikation2020.de Webseite.

Dienstag, September 27, 2011

Kommunikation und Medien in der Zukunft: Lukas als Student im Jahr 2020


Nun ist tatsächlich genug Zeit vergangen, in der sich die geneigten Leser des K2020-Blogs mit den Studenten der Jahre 1960 bis 2010 auseinander setzen konnten. Alle, die sich bisher noch nicht getraut haben nach Lukas zu fragen oder noch nicht auf meiner bisherigen Kundenliste stehen, mussten leider bis jetzt auf Lukas warten.

Heute scheint 2020 noch weit weg
Lukas hat sich ja im Jahr 2011 gerade mal in seiner weiterführenden Schule eingelebt (hoffe ich mal). Er macht sich vermutlich noch nicht so viele Gedanken über ein potentielles Studium oder die dort zu verwendenden Medien. Stattdessen wird er sich vielleicht manchmal fragen, warum er immer einen Rucksack voller Bücher rumschleppen muss, wenn doch der gesamte Inhalt der Lehrbücher auf ein elektronisches Lesegerät passen würde. So eines, wie es sein Vater schon seit einem Jahr verwendet und fast überall mit hinschleppt. Da könnte er auch mit 24/7-Internetzugang auf alles Wissen der weltweiten Netzwerke zugreifen. Aber das ist noch eine andere Geschichte.

Eine Zukunftsvision – Lukas im Jahr 2020
Anstelle von Lukas habe ich mir mal ein paar Gedanken zu einem möglichen Szenario für seine Zukunft mit den Medien gemacht und in der projektwerft die folgende Illustration auf Basis unserer Medienwolken Illustrationen entwickelt.

Medienwolken Vision 2020, vorstellbare Medienrealität (Version Oktober 2013) – Ein Projekt von "K2020 – Die Zukunft der Kommunikation"
Medienwolken: Vision einer Medienrealität 2020 (Version 10/2013)

Die Medien-Sozialisation von Lukas
Zunächst gehören Lukas und seine Studienkollegen im Jahr 2020 zu den jungen Menschen, die sich nicht an eine Welt ohne Internet und digitale Medien erinnern können, da im Jahr ihrer Geburt (2000) schon die erste große Welle der Interneteinführung vollbracht war. Auch wenn ein Jahr später die erste .com-Blase platzte (wovon der kleine Lukas nichts mitbekommen hat), war der Siegeszug des weltumspannenden, digitalen Netzwerks schon in vollem Gang. Lukas ist in einer Welt und Umgebung mit Mobiltelefonen, Computern, Notebooks, e-Readern, Smartphones, digitalen Kameras, iPods, iPads etc. aufgewachsen. Nahezu jeder Erwachsene in seiner Erfahrungswelt nutzte eines oder mehrere dieser Geräte als wären sie schon immer da gewesen.

Unser junger Student hat in seiner Jugend noch die Weiterentwicklung von diesen technischen Hilfsmitteln erlebt, aber keine Welt ohne sie. Es sei denn, er hat mit seinen Eltern mal eine Reise in ein sehr fernes Land zu sehr ursprünglich lebenden Menschen gemacht. Wenn er nicht zu den jungen Menschen gehört, die sich in ihrer Freizeit sehr für die Geschichte der Menschheit oder die der Medien interessiert hat, kann er die Entwicklung hin zu diesen (aus Sicht älterer Menschen) noch verhältnismäßig neuartigen Technologien nicht wirklich nachvollziehen. Er nutzt sie einfach für seine Freizeit- und Studienaktivitäten ohne sich großartig Gedanken über deren Entstehen und die Zusammenhänge zu machen. Er macht das so wie viele Menschen, die auf ähnliche Art einfach ihre Autos, Fahrräder, Busfahrkarten, Fernseher, Radios oder gedruckten Bücher und Tageszeitungen nutzen – diese Errungenschaften der modernen Menschheit gehören einfach zum Alltag und sind quasi Standard.

Aufwachsen mit bewegten Bildern
Während für Lukas Großvater die Beschäftigung mit der morgentlichen Tageszeitung über Jahrzehnte hinweg zu einem täglichen Ritual am Frühstückstisch gehörte, ist es für Lukas eher typisch, dass er sich auf seinen virtuellen Filteragenten verlässt, der ihm die persönlich wichtigen News aus aller Welt oder seinem sozialen Netzwerk per Signal andeutet. Per Aktivierung bekommt Lukas diese News dann als audiovisuelles Signal auf seiner Datenbrille angezeigt – oder wahlweise auf jedem verfügbaren Bildschirm und Lautsprecher in seiner Nähe.

Für Lukas ist das nur eine konsequente und völlig logische Weiterentwicklung von Technologien, die er schon seit seiner Kindheit kennt: Fernsehen, Video, Internet und virtuelle soziale Netzwerke und Medien (Social Networks und Social Media). Der weitaus größte Teil der Kommunikations-, Informations- und Entertainment-Medien, die er nutzt basieren auf digitalen Daten und Netzwerken.

Video-Telefonie und virtuelle Seminar-Teilnahmen
Ähnlich selbstverständlich verhält es sich mit der Entwicklung bei Gesprächen über größere Entfernungen. Video-Telefonie ist bis 2020 eine übliche Kommunikationsform geworden. Lukas nutzt sie immer dann, wenn er seine Studienkollegen oder Freunde und Familie beim Gespräch auch sehen will oder es sinnvoll erscheint dies zu tun. Aber auch bei virtuellen Seminaren wird diese Technik eingesetzt, damit Studierende auch teilnehmen können, wenn sie durch Krankheit, eine besondere körperliche Einschränkung oder einen kollidierenden Termin ausserhalb ihres Studienortes nicht am Veranstaltungsort des Seminars sein können.

Infografiken und Videos
Ebenso wie die Videotelefonie werden 2020 vermehrt Videos und animierte, zum Teil interaktive Infografiken für die Bildung eingesetzt. Da die jungen Studenten überwiegend mit Fernsehen und Internet aufgewachsen sind gehören diese Wissensvermittler wie Texte zum allgemeinen Lehrstoff. Lukas könnte sich eine Wissensvermittlung nur mit Texten überhaupt nicht vorstellen. Er ist der Meinung, dass man mit einem How-To-Video oder einer virtuellen Simulation viel schneller lernt als mit einem Buch. Die (klassischen) Bücher hat er als Nachschlagewerke zwar immer auf seinem Lesegerät verfügbar, aber ganz durchgelesen hat er kaum eines davon. Durch die schnelle Stichwortsuche muss er nur noch einen passenden Begriff nennen und schon werden ihm die relevanten Stellen angezeigt. Ganz verzichten wird er auf die "Klassiker" trotzdem nicht. Aber er findet lesen in gedruckten Büchern eher lästig. Seine Welt ist ja schließlich mehrdimensional und sehr schnelllebig.

24/7 Nutzung des digitalen Rhizoms
Lukas informiert sich immer dann, wenn er eine Information braucht. Das macht er nahezu ausschließlich mit Hilfe eines seiner mobilen Breitband-Interfaces im digitalen Rhizom, mit seinen verschiedenen Medien- und Nutzungskanälen sowie den sozialen Netzwerken. Das digitale Rhizom wurde früher mal Internet oder Web genannt, bis diese Bezeichnungen nicht mehr zum aktuellen Aufbau dieser digitalen Informationsarchitektur passte. Im digitalen Rhizom ist die Bereitstellung vieler Informationen vom Zugang zu den vorherrschenden "Social Network"- oder "Social Media"-Angeboten abhängig, die jedoch mit ihren vielfältigen Diensteanhängseln quasi ohne ordnende Hierarchien auskommen und über viele verschiedene Zugangspunkte erreichbar sind.

"Fast-Food" Information
Ob die Einstellung unseres Studenten zur On-Demand-Wissenserweiterung so 100%-ig sinnvoll ist, sei mal dahingestellt. Aber Lukas ist in einer Welt aufgewachsen, die diese Einstellung gefördert hat. Er hat es nicht wirklich gelernt lange, komplexe Texte zu lesen und zu üben diese zu verstehen, mit anderen Informationen (aus anderen Themenbereichen) zu vergleichen und zu interpretieren. Ihm sind eher die kurzen Texte von Internetseiten bekannt – kurz und knapp aufbereitete Informationshäppchen, die den schnellen Informationshunger befriedigen aber nicht ganz "satt" machen. Eine Hintergrundrecherche fällt oft den vielen anderen Kommunikations-, Info- und Entertainment-Angeboten zum Opfer, die um Aufmerksamkeit buhlen.

Die Kurzlebigkeit von vielen Informationen ist für Lukas ganz normal. Normal ist auch, dass er die gesehenen oder gelesenen Information kurze Zeit später häufig schon wieder vergessen hat und wieder nachschauen muss. Dies zu hinterfragen muss er noch lernen, wie viele seiner Altersgenossen. Da geht es ihm allerdings ebenso wie vielen Menschen vorangegangener Generationen, die ihre Wissenslücken mit Hilfe eines gedruckten Nachschlagewerks temporär geschlossen haben oder schließen.

Mangel an Medienkompetenz
Eine tiefgreifende Medienerziehung hat Lukas nie genossen. Dafür hatten seine Eltern und der Großteil seiner Lehrer selbst nicht die nötige Kompetenz mitgebracht. In den 2010er Jahren wurde das Thema Medienkompetenz zwar immer wieder heiß diskutiert, aber ein Schul-Pflichtfach neben Deutsch, Mathematik und Englisch ist es nie geworden. Daher hat er leider auch nicht gelernt, Informationen, die er aufnimmt, kritisch zu hinterfragen. Lukas nutzt zwar die modernen Hilfsmittel wie selbstverständlich, aber ohne seinen virtuellen Filteragenten, der seine persönlichen Interessensgebiete im Laufe der Zeit zu sortieren gelernt hat, wäre unser Student bei der Nachrichten- und Informationsselektion ziemlich aufgeschmissen. Das muss er nun, zum Teil sehr schmerzhaft und arbeitsintensiv, während des Studiums lernen.

Zusammentreffen verschiedener Medien-Sozialisations-Generationen
Viele der Professoren im Jahr 2020 sind noch Schüler der "alten Medien Schule" und haben eine Bildung vor und während der Entstehung des Internets und der folgenden digitalen Medien erlebt. Sie haben dem entsprechend andere Ansprüche an Analysefähigkeiten, Allgemeinbildung und fachliches Grundwissen, Kreativität und Verknüpfungskompetenz als Lukas dies bisher gelernt hat. Ein 24/7-Nachschlage-Verhalten lassen sie nicht gelten. Die digitalen Hilfsmittel, mit denen Lukas aufgewachsen und umgeben ist, werden zwar intensiv für die Lehre genutzt, den Dozenten ist die Ausfallwahrscheinlichkeit dieser Mittel aber durchaus bewusst. Daher werden auch immer wieder klassische, analoge Medien für den fachlichen Kompetenzaufbau eingesetzt. Lukas hält das allerdings für überhaupt nicht zeitgemäß.

Analog vs. digital
Die analoge Welt wird im Jahr 2020 zwar nahezu 1:1 in der digitalen Welt abgebildet und dort zum Teil sogar durch neue rein digitale Optionen erweitert (Stichwort "Augmented Reality"), das Leben ganz allgemein findet aber weiterhin analog statt – und geht auch weiter, wenn der Strom mal ausfällt.


Die Zukunft ist offen
Ob dieses Szenario für Lukas und uns tatsächlich ganz genau so eintreten wird kann man durchaus in Frage stellen. Es gibt unglaublich viele Parameter, die auch eine völlig andere Zukunft möglich machen. Eine Prognose für ein kommendes Jahrzehnt abzugeben ist nahezu immer mit einer hohen Fehlerquote behaftet. Ähnlich könnte eine Medienrealität im Jahr 2020 für Studenten in westlich industrialisierten Kulturen aber durchaus aussehen und es ist bestimmt in vielerlei Hinsicht sinnvoll, über die Begleiterscheinungen der Entwicklungen nachzudenken. Ich hoffe allerdings, in einigen Fällen (den eher negativen Entwicklungen) als Orakel daneben zu liegen.

Ich werde weitere Überlegungen in folgenden Blogeinträgen nachreichen. Zunächst sollte diese Vision zu unserem fiktiven Studenten Lukas für erste Gedankenspiele zum Jahr 2020 genügen.


Screenshot des K2020 Impulsbuchs "Medienwolken 1960 – 2020" im iBookstoreDas Impulsbuch "Medienwolken 1960 – 2020"
Seit September 2013 ist auch ein begleitendes eBook mit Illustrationen und Kurzszenarien im iBookstore erhältlich.


Nutzungsrechte
Wir haben auch die "Vision Medienrealität 2020" Illustration mit einem Creative Commons Copyright gekennzeichnet, um sie für interessierte Schüler, Studierende und Lehrende als Diskussionsgrundlage nutzbar zu machen. Für eine kommerzielle Nutzung halten alleine Christoph Steinhard und die projektwerft das Copyright. Die aus der Studienarbeit gewonnenen Ergebnisse werden wir in aktuelle und zukünftige Projekte einfließen lassen.

Eine kommerzielle Nutzung der Illustration oder Teile daraus erfordert immer die schriftliche Zustimmung der projektwerft. Dies gilt insbesondere für Geschäftspräsentationen, Workshops oder Vorträge zum Thema. Dadurch möchten wir u.a. eine Feedback-Schleife für zukünftige Optimierungen etablieren.

Wer mehr über die Medienwolken- oder Kommunikation 2020-Workshops wissen will, kann gerne über info(at)projektwerft.de (Stichwort: K2020 – Medienwolken Vision 2020) oder mein Xing-Profil Kontakt mit mir aufnehmen. Über konstruktive Kommentare hier im Blog freue ich mich auch.




Anmerkungen 
Eine leichte Modifikation des Artikels im Absatz "Die Zukunft ist offen" ist am 18.03.2013 erfolgt.

Die Illustration wurde im Oktober 2013 im Rahmen der Erarbeitung einer "Vision zur Kommunikation 2030" leicht optimiert und um einige Begriffe erweitert.  

Im Juli 2013 habe ich den "Like"- bzw. "gefällt mir"-Button eingebunden und freue mich, wenn er von Facebook-Nutzern als kleine Wertschätzung für die Medienwolken genutzt wird.

Montag, Juli 12, 2010

IPad - Erwartungen und Erfüllungen

Zunächst muss ich mich entschuldigen. Dieser Eintrag ist jetzt überfällig. Doch es hat einen Grund, warum ich nicht auf den iPad-Schnelltest Zug aufgesprungen bin. Wenn man ein neuartiges Gerät testen will, braucht man etwas Zeit und noch mehr Zeit, um ein paar wirklich relevante Aussagen über den Alltagseinsatz zu berichten. Daher hab ich mir doch etwas Zeit gelassen.

Nicht nur von mir sind, seit der Präsentation des Gerätes, viele Erwartungen an diesen neuen Personal Computer formuliert worden. Ich muss zugeben, dass ich auf die Einführung des neuen Apple Gerätes gewartet habe, wie auf bisher kein technisches Spielzeug oder Werkzeug zuvor.

Was hab ich erwartet?
1. Ein gut transportables Werkzeug, mit dem ich überall digitale Entwürfe anfertigen und digitale Bildbearbeitung kurz nach der Foto-Aufnahme vornehmen kann. 2. Ein Lesegerät, um den Spiegel und andere Magazine in Form einer digitalen Zeitschrift lesen zu können. 3. Ein Upgrade meiner Musik-Software, die ich auf dem iPod Touch schon seit fast zwei Jahren nutze. 4. Einen "Always on"-Internet Browser.

Und was hab ich bekommen?
Die Einsatzmöglichkeiten dieses Gerätes, von dem viele nicht wissen, wofür man das denn bitte braucht, sind so vielfältig, dass es tatsächlich eine neue Klasse im Computersegment definiert. Für mich war es in den letzten Wochen:
- Immer griffbereites und aktiviertes Internet-Tablett
- Musikinstrument und Groovebox
- Kreativwerkzeug für Mockups, Skribbles, Moodboards
- Mobiles Fotobearbeitungslabor
- Zeitschriftenlesegerät für Nachrichten- und Lifestyle-Magazine
- Lesegerät für Fotobücher, Atlanten, Nachschlagewerke und PDF-Magazine
- Spielekiste für Alleinunterhaltungsspiele und Gesellschaftsspiele
- TV Ersatzgerät zum Anschauen von Filmen und Musik-Videos
- Präsentationsoberfläche

Was ich aber vor allem erhalten habe, ist ein Gerät mit dem ich um einiges intuitiver und kreativer arbeiten kann, als mit jedem PC oder Mac, den ich zuvor genutzt habe.

Ein paar Beispiele für die Nutzungsmöglichkeiten des Pads:

Das Internet-Tablett - Always-On
Eine der Haupteigenschaften des iPad ist die Möglichkeit es nahezu überall zu benutzen und in Sekundenschnelle einsatzbereit zu haben. Das verführt allerdings auch häufiger dazu, mal einen schnellen Blick in Wikipedia zu werfen. Oder ich suche in der IMDB Informationen zum Hintergrund und den Schauspielern eines gerade laufenden Filmes. Mit dem größeren Bildschirm machen viele Anwendungen mehr Spaß und bieten einen besseren Überblick, als im bisherigen Smart-Phone-Mini-Format.

Das gleiche gilt für alle anderen Webservices: Sie sind nur noch einen Handgriff weit weg und liegen auch gerne mal (verhältnismäßig) unauffällig auf dem Küchen- oder Wohnzimmertisch. Zudem nimmt man das iPad eher mal mit auf einen Ausflug, als man das mit seinem Notebook getan hätte. Always-On.

Die erste wirkliche Konkurrenz zum klassischen Fotoalbum
Im Gegensatz zum stationären PC oder Notebook ist das iPad ein Gerät, das tatsächlich einen Ersatz zum klassischen Fotoalbum bietet. Und der entscheidende Faktor ist hierbei die fehlende Tastatur. Das wahrhaftige "in die Hand nehmen" des digitalen Albums und die Möglichkeit, die Bilder wieder herumreichen zu können machten das Teil ganz schnell zu meinem neuen Fotoalbum.

Dasselbe gilt für Fotobücher. Die Betrachtung von Bildern macht soviel Spaß, dass ich mir extra ein paar Künstler-PDF-Zeitschriften und Fotobuch-Apps auf das iPad geladen habe und nun digital durch die Bilderwelten "blättere".

Für mich ist jetzt schon abzusehen, dass sich hier ein weiterer Weg der Bilder-Distribution entwickelt.

Der moderne Soundgenerator
Was auf dem iPhone oder iPod Touch noch witzig und teilweise niedlich war, wird mit dem iPad erwachsen. Viele Musik-Apps, die auf dem kleinen Display eines Smartphones noch wie nette Spielereien wirkten, können mit Hilfe des erweiterten Touchscreens erst richtig ihre kreativen Möglichkeiten offenbaren. Die virtuellen Piano-Tastaturen sind nun auch für Erwachsenenhände groß genug und der Spielraum für gute neue Groove-Interfaces (wie bei Groovemaker oder Looptastic) oder neuartigen Sound-Workstations (wie Aurora oder iSequence) machen das Experimentieren mit Sounds, Melodien oder Grooves extrem einfach und intuitiv.

Musik hat für mich auch viel mit ausprobieren und spielen zu tun. Da macht es die Anschaffung zum Testen neuer Interfaces auch um einiges schmerzfeier, dass die Apps nur einen Bruchteil von den "großen" Geschwistern für PC oder Mac kosten.

Das papierlose Büro kommt
Soviele PDFs oder sonstige digitale Dokumente wie in den letzten Wochen habe ich noch nie auf einem Bildschirm gelesen. Ich muss zugeben, dass ich früher eher geneigt war digitales doch auszudrucken. Die Frage, ob man denn vom iPad aus Drucken kann, hat sich mir überhaupt nicht gestellt. Gegenfrage: Wozu? Drucken wirkt für mich nun in noch mehr Fällen mächtig unsinnig.

Das iPad als Zeitschriften-Lesegerät
Ja, auch ich habe das iPad als Lesegerät benutzt. Für Wochenzeitschriften, Kataloge, Rezeptsammlungen, Lifestyle-, Business- und Kunst-Magazine. Und das werde ich auch in Zukunft tun...

Das iPad wird von einigen Medien-Experten insbesondere als Heilsbringer für die angeschlagene Verlagsbranche angesehen - was tatsächlich so sein könnte. Vielleicht ist es aber auch die Erfindung, die den Niedergang etablierter, großer Verlagshäuser einläutet. In dem Konzept dieses Lesegerätes mit all seinen möglichen App-Ausprägungen steckt nämlich ein extrem hohes Potential der Demokratisierung von Zeitschriften-Produktionen. Der kostenintensive klassische Vertriebsweg und die kostenintensive Druckproduktion fallen weg und es gibt endlich ein Gerät, das man auch gerne mal mit aufs Sofa oder an den Küchentisch nimmt - oder in den Rucksack oder die Handtasche steckt.

Hier eröffnet sich eine riesige Chance für Autorengruppen, die hochwertige Inhalte selbstständig anbieten wollen. Dies war bisher zwar schon in Form von PDF-Magazinen im Internet möglich, es fehlte aber noch die Micro-Payment-Funktion, um die Arbeit auch einfach monetarisieren zu können. Diese wäre im App-Store vorhanden. Und wenn mit den Copy-Preisen nicht übertrieben wird, könnten sich hier schöne neue Magazine etablieren.

Fazit
Was Apple da mit Hilfe von tausenden App-Entwicklern geschaffen hat, ist ein neues Multimedium, das ein enormes Potential dazu hat, viele Notebooks oder Desktop-PC aus heimischen Wohn- und Schlafzimmern zu verbannen. Und ganz vielleicht entdeckt der ein oder andere Nutzer mit Hilfe dieses PC tatsächlich wieviel kreative Energie in ihm steckt. Die günstigen und hilfreichen kleinen Apps dazu gibt es allemal und jetzt schon in erstaunlicher Vielfalt.

Was aus diesem Touch-Pad Konzept noch so alles erwachsen kann, bleibt der Fantasie überlassen. es gibt scheinbar unendlich viele Einsatzmöglichkeiten, die man sich bisher auf einem Notebook oder auch einem Smartphone nicht vorstellen mochte - oder konnte.

Die Weiterentwicklung dieses neuen Multimediums bleibt spannend.

Freitag, April 23, 2010

Tötet das iPad die Druckereien?

Bei der Betrachtung der aktuellen Diskussion im Kommunikationsmarkt über Sinn und Unsinn eines iPads bzw. eines kleinen, mobilen Touch-PC fällt mir auf, dass viel über digitale Inhalte und die Möglichkeiten für eine Zukunft von Verlagen oder Autoren gesprochen wird, jedoch wenig über die Zukunft von Druckereien - insbesondere Großdruckereien.

Sofern der Trend in der Zeitungs- und Zeitschriftenbranche weiterhin in Richtung geringere Auflagen geht und dazu noch ein Trend zu digitalen Inhalten auf einem iPad als Lesemedium hinzu kommt, ist dies schon ein harter Schlag für die Beschäftigten in den betroffenen Druckereien. Aber es wird mit Sicherheit noch ein weiterer Trend zu einem Niedergang beitragen können: die aktuelle Umweltschutz Debatte, bei der es um den Schutz von Ressourcen und die Vermeidung von Umweltbelastungen geht. Diese Themen werden, meiner Meinung nach, durchaus zu Recht auch in Hinblick auf temporär wertige Druckerzeugnisse diskutiert.

Auch wenn ich das jetzt nicht mit Zahlen belegen kann, wird der CO2-Fußabdruck eines digitalen Magazins, das auf ein iPad geladen wird, mit ziemlicher Sicherheit weit unterhalb dem eines Magazins vom Kiosk liegen. Wenn ich mal überlege, was so alles an Umwelt beeinflussenden Faktoren wegfallen würde:
  1. Rohstoffbeschaffung für Papier
  2. Produktion des Papiers (evtl. auch per Recycling)
  3. Transport zur Druckerei
  4. Rohstoffbeschaffung für Druckfarben
  5. Produktion der Druckfarben
  6. Transport zur Druckerei
  7. Produktion der gedruckten Magazine in festgesetzter Auflage
  8. Transport zum Abnehmer (Kiosk)
  9. Rücktransport der nicht verkauften Hefte
  10. Recycling der nicht verkauften Hefte
Diesem hohen Energie- und Rohstoffverbrauch (und hier fehlen vermutlich noch ein paar Detailphasen) stehen im digitalen Gegenstück die Geräte-, Server- und Download Energieaufwände gegenüber – die, bei Nutzung regenerativer Stromerzeugung, einen kleineren CO2-Fußabdruck hinterlassen dürften.

Digitale Inhalte/Medien wären somit aus Kundensicht nicht nur bequemer in der Beschaffung, sondern auch noch um einiges umweltfreundlicher, als ihre analogen Gegenstücke... ob da nicht ein noch schnelleres Umdenken bei den Konsumenten erfolgt, als von der Medienbranche befürchtet.

In einer Zukunft, sagen wir mal 2020, könnten die Drucker und Druckerei einen ähnlichen Kampf führen, wie es vor Jahrzehnten die Bergleute und Kohlegruben geführt haben. Einen Kampf, gegen eine sich verändernde Welt.

Im Laufe der Jahrhunderte haben sich viel Berufe verändert oder haben ihre Bedeutung eingebüßt. Vielleicht kann dies nun auch der Zunft der Drucker blühen, die durch die zunehmende Nutzung von digitalen Medien eine neue Ausrichtung erfährt. Für die Zulieferer gilt hier dasselbe.

Sicherlich wäre es sinnvoll, schon jetzt über eine solche Veränderung nachzudenken und nicht mit geschlossenen Augen in die Bedeutungs- und Arbeitslosigkeit zu rennen. Mittlerweile sollten die schlechten Beispiele eines ignoranten Umgangs mit Veränderungen, wie sie in der Musik- und Medienindustrie zu beobachten waren und sind, zu einem neuen Umgang mit Wandlungsprozessen führen.

Dies ist mal wieder nur ein Gedankenspiel im Rahmen der "Kommunikation 2020" Diskussion, die ich in der projektwerft führe, aber evtl. eines mit wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Bedeutung...