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Sonntag, Dezember 20, 2020

Medienrealität 2020 – die Wirklichkeit überholt die Vision



Zu Beginn dieses Jahres habe ich hier im Kommunikation 2020 Blog ein Versprechen abgegeben. Es ging um den Abgleich der zehn Jahre alten Vision einer möglichen Medienrealität 2020 mit der tatsächlich existierenden Medienrealität im aktuellen Jahr, 2020. Dies habe ich getan ohne zu wissen, was in diesem Jahr auf die Welt mit einer globalen Pandemie zukommen wird. Einen weltweit aktiven Virus hatte ich in meiner Jahresplanungen seltsamerweise nicht vorgesehen.

Nach den ersten Posts zum Thema "Check der Medienrealität 2020" habe ich mich erstmal wieder in Beobachter-Position begeben. Mein neuer Plan für das Vorhaben der Falsifizierung oder Verifizierung der Thesen von 2010, der angepassten Geschichte unseres Studenten Lukas und der begleitenden Illustration war nun: abwarten bis zum Jahresende, wer weiß, was sich noch neben den Video-Konferenz-Angeboten schlagartig über die Schwelle der allgemeinen Etablierung erheben wird.

Nun ist das Ende dieses besonderen Jahres erreicht und ich will mein Versprechen einlösen. Wenn jetzt noch ein Anbieter mit einer sagenumwobenen AR-Brille oder einem umwerfenden persönlichen KI-Assistenten wie im Film "Her" um die Ecke kommt, werte ich das eher als Aufruf zu einem Artikel im Jahr 2021.

Zehn Jahre auf dem Weg in die Zukunft

Vor über zehn Jahren habe ich zusammen mit einem kleinen Team das Medienwolken Kategoriensystem entwickelt. Mit den Medienwolken 1960 – 2010 haben wir eine Diskussionsgrundlage veröffentlicht, die dabei helfen kann, Veränderungen im Bereich der Kommunikation und Mediennutzung über mehrere Jahrzehnte hinweg visuell wahrzunehmen.

Zusätzlich haben wir eine Vision 2020 als einfaches Szenario für eine mögliche Medienrealität im Jahr 2020 entstehen lassen. Diese „Vision“ haben wir mit Geschäftspartnern und anderen Medienexperten diskutiert und ein Jahr später der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Für uns stand die Mediennutzung des Protagonisten "Lukas" stellvertretend für den möglichen Einsatz von etablierten, weiterentwickelten und neuartigen Medienformen. Dabei ging es insbesondere darum, realistische Hypothesen für einen jungen "Early Adopter" zu entwickeln und keine Science Fiction Fantasien.

Nun habe ich mir die damaligen Zukunftshypothesen vorgenommen und die beiden elementaren Teile, A. die Medienwolken-Illustration und B. das Zukunftsszenario, an die aktuelle Situation angepasst. Aus der ehemaligen Vision wurde nun eine Beschreibung der aktuellen Möglichkeiten – eine weitere Medienrealität, als Ergänzung zu denen schon vorliegenden von 1960 – 2010.

Illustration der Medienwolken 2020

Die Anpassungen in der Illustration korrespondieren mit dem Text zum Szenario, den Sie weiter unten finden werden. Bei den Optimierungen ist mir aufgefallen, dass nur drei Hypothesen aus dem Jahr 2010 gänzlich daneben lagen:

Kommunikation 2020 Medienwolken DE – Vision vs Persona 2020 – Vergleich inkl Legende


  • Die Bezeichnung der aktuellen Infrastruktur ist definitiv nicht "Digitales Rhizom", der eher von Philosophen genutzte Begriff musste in der Aktualisierung dem Begriff "Cloud" weichen.
  • Bei der 2013 in die Illustration aufgenommenen "Displaykleidung" gibt es diese zwar als modische Experimente oder Promotion-Gags tatsächlich im Jahr 2020, sie ist aber im Alltag nicht wirklich relevant.
  • Der dritte Punkt betrifft die Vermutung, dass vielleicht nur noch ein "Smart-Interface"-Setup an spezialisierten Wearables genutzt wird – z.B. die Kombination aus Tracking-Armbändern mit Biosensoren, InEar-Kopfhörern mit Sprachassistenten plus einer AR/VR-Datenbrille mit integrierter Kamera und Gestensteuerung. Dieses Setup ist 2020 so aber noch nicht vollständig verfügbar – vielleicht wird das in den kommenden Jahren zur Realität. Aktuell wird stattdessen aber weiterhin eine Vielzahl von verschiedenen Geräten für spezifische Zwecke genutzt.
In allen anderen Fällen lagen wir grundsätzlich richtig. Trotzdem habe ich für die Optimierungen aktuellere bzw. konkretere Bezeichnungen verwendet oder, wie z.B. im Fall der interaktiven Entertainment-Medien, noch einige Medien (Brettspiel, Kartenspiel, Kreativ-App) hinzugefügt, da sie 2020 in der Generation von Lukas relevanter sind, als 2010 bzw. 2013 von uns gedacht. Ähnliches gilt für das "Flexi-Pad", also das, was heute als "Convertible Notebook" bezeichnet wird. Diese Geräte existieren zwar, trotzdem habe ich für die aktualisierte Medien-Persona das bei Studierenden eher gängige "Notebook" verwendet. In den Medienwolken könnte aber auch ebenso "Tablet" oder "Convertible" stehen. 

Kommunikation 2020 Illustration: Medienrealität von Lukas 2020
Wie schon zuvor, sind die Medienwolken im Vergleich zur Grafik der jeweils zehn Jahre älteren Realität größer bzw. voller geworden (siehe Medienwolken 1960 – 2010 Blog-Artikel). Es gibt noch mehr Optionen und etablierte Medien werden weiterhin parallel zu den neuartigen genutzt.

Auch wenn der Nutzungsanteil von digitalen Medienformen weiterhin Jahr für Jahr in den verschiedenen Segmenten (Buch, Musik, Spiel etc.) zunimmt – insbesondere bei jüngeren Menschen – wurden 2020 auch weiterhin gedruckte Bücher, Schallplatten, klassische, haptische Spiele und andere analoge Medienformen genutzt. Lukas ist allerdings überwiegend "digital" geprägt.

Interessant ist allerdings die Zunahme an digitalen Kommunikationsgeräten. Obwohl jedes Notebook, Tablet und sogar ein Smartphone eine unendliche Vielfalt an digitalen Medienangeboten und Werkzeugen zugänglich macht, kommt kaum eine Person in den Industrieländern mit nur einem dieser Geräte aus. Häufig ist eine Vielzahl dieser Geräte im Einsatz. Allerdings werden diese zum Teil durch sehr spezifische Geräte mit besonderen Eigenschaften ergänzt (z.B. Smartphone + Smartwatch + Smartspeaker + VR-Brille).

Bei den "Technischen Kommunikationsmedien" ist mit dem "Sprachassistenten" nun auch ein rein virtuelles Werkzeug in diese Gruppe aufgenommen worden. Diese Assistenten sind genau genommen hoch spezialisierte Software-Services auf Grundlage einfacher "Künstlicher Intelligenz". Die Sprachassistenten, die Zugriff auf verschiedene Informations- und Assistenzdienste ermöglichen, werden zwar über andere Geräte (Smartspeaker, Smartphone, Tablets u.a.) verfügbar, deren Interface ist aber ausschließlich virtuell und die Assistenz-Technik läuft zum großen Teil über einen Cloud-basierten Service im Hintergrund ab.

Auf ein paar weitere Details in der Illustration werde ich im folgenden Szenario noch etwas nähere eingehen. Die Tatsache, der weiterhin verändernden Medienrealitäten und die Zunahme an Optionen sind im direkten Vergleich mit den Grafiken von 1980 und 2000 gut sichtbar. Diese Entwicklung wird sich voraussichtlich auch in den kommenden zehn Jahren fortsetzen.

Kommunikation 2020 Medienwolken Illustration: Vergleich 1980, 2000 und 2020

Student Lukas im Jahr 2020 – eine Medienrealität

Das Szenario zu Mediennutzung

Das folgende Szenario hat alle die Teile aus der "Vision 2020" aus dem Jahr 2010 behalten, die weiterhin Bestand haben. Ich habe nun aber einige Details hinzugefügt, die wir vor zehn Jahren nicht klar benennen konnten und ein paar Korrekturen an den Stellen vorgenommen, wo wir damals etwas daneben gelegen haben.

Die Medien-Sozialisation von Lukas

Zunächst gehören Lukas und seine Studienkollegen im Jahr 2020 zu den jungen Menschen, die sich nicht an eine Welt ohne Internet und digitale Medien erinnern können, da im Jahr ihrer Geburt (2000) schon die erste große Welle der Internet-Einführung vollbracht war. Auch wenn ein Jahr später die erste .com-Blase platzte – wovon der damals noch sehr kleine Lukas nichts mitbekommen hat –, war der Siegeszug des weltumspannenden, digitalen Netzwerks schon in vollem Gang. Lukas ist in einer Welt und Umgebung mit Mobiltelefonen, Computern, mobilem Internet, Notebooks, e-Book-Readern, Smartphones, digitalen Kameras, iPods, Tablets, SmartTV, Smartwatches, Smarthomes, Augmented und Virtual Reality, einfacher Künstlicher Intelligenz, Video-Streaming und vielen weiteren Technologien, die als Medien genutzt werden können, aufgewachsen. Nahezu jeder Erwachsene in seiner Erfahrungswelt nutzt eines oder mehrere dieser Geräte als wären sie schon immer da gewesen. Tatsächlich sind viele dieser Technologien aber erst seit wenigen Jahren ansatzweise ausgereift.



Unser junger Student hat in seiner Jugend noch die Weiterentwicklung von diesen technischen Hilfsmitteln erlebt. Da er mit seinen Eltern oder Freunden aber nie eine Reise in eine ferne Region zu sehr ursprünglich lebenden Menschen gemacht hat, kennt er keine Welt ohne diese Technologien.

Weil er auch nicht zu den jungen Menschen gehört, die sich in ihrer Freizeit sehr für die Geschichte der Menschheit oder die Geschichte der Medienentwicklung interessiert haben, kann er die Entwicklung hin zu diesen (aus Sicht älterer Menschen) noch verhältnismäßig neuartigen Technologien nicht wirklich nachvollziehen. Er nutzt sie einfach für seine Freizeit- und Studienaktivitäten ohne sich großartig Gedanken über deren Entstehen und die Zusammenhänge zu machen. Er macht das so wie viele Menschen, die auf ähnliche Art einfach ihre Autos, Fahrräder, Busfahrkarten, Fernseher, Radios oder gedruckten Bücher und Tageszeitungen nutzen – diese Errungenschaften der modernen Menschheit gehören einfach zum Alltag und sind quasi Standard. Für die Entwicklungsgeschichten dieser Werkzeuge interessieren sich nur einige Menschen.

Aufwachsen mit bewegten Bildern

Während für Lukas Großvater die Beschäftigung mit der morgendlichen Tageszeitung über Jahrzehnte hinweg zu einem täglichen Ritual am Frühstückstisch gehört, ist es für Lukas eher typisch, dass er sich auf sein Smartphone verlässt, das ihm die persönlich wichtigen News aus aller Welt oder seinem sozialen Netzwerk per haptischen, auditiven oder visuellen Signal andeutet. Per Aktivierung bekommt Lukas diese News auch wahlweise auf jedem per WLAN verbundenen Bildschirm oder Lautsprecher in seiner Nähe angezeigt oder vorgelesen.

Bild: Autarke Virtual Reality Brille
Er kann einige Dokumentationen oder Simulationen auch als 360°-Erlebnis im YoutubeVR Kanal oder über andere VR-Applikationen über seine Virtual Reality Brille erleben. Das fühlt sich für Lukas manchmal so an, als stünde er tatsächlich physisch mitten im Geschehen.

Für Lukas ist das nur eine konsequente und völlig logische Weiterentwicklung von Technologien, die er schon seit seiner Kindheit kennt: Fernsehen, Video, Internet, virtuelle soziale Medien. Der weitaus größte Teil der Kommunikations-, Informations- und Entertainment-Medien, die er nutzt, basieren auf digitalen Daten und Web basierten Netzwerken.

Video-Telefonie und virtuelle Seminar-Teilnahmen

Ähnlich selbstverständlich verhält es sich mit der Entwicklung bei Gesprächen über größere Entfernungen. Video-Telefonie ist 2020 sprunghaft zu einer üblichen Kommunikationsform geworden. Durch die weltweite Corona Pandemie wurden die teilweise noch stiefkindlich behandelten Angebote für Video-Konferenzen nahezu von einem auf den anderen Tag milliardenfach genutzt. Lukas nutzt sie immer dann, wenn er seine Studienkollegen oder Freunde und Familie beim Gespräch auch sehen will oder es sinnvoll erscheint dies zu tun. Aber auch bei virtuellen Seminaren wird diese Technik eingesetzt, damit Studierende auch trotz Kontakteinschränkungen an den ersatzweise angebotenen virtuellen Vorlesungen und Seminaren teilnehmen können. Das geht auch, wenn sich Lukas weit ausserhalb seines Studienortes befindet. Nur eine gute Datenverbindung ist notwendig, damit das Videosignal auch anständig übertragen wird.

Manche Personen in den Bildungseinrichtungen tun sich mit diesen Angeboten noch sehr schwer, da sie noch keine oder nur wenig Erfahrungen mit diesen modernen Kommunikationsmitteln gesammelt haben, obwohl die Technik schon seit weit über zehn Jahren existiert und in einigen Universitäten auch schon ähnlich lange im Einsatz sind. Die Erfahrungen müssen sowohl Studierende wie auch Lehrende jetzt per Trial-and-Error nachholen.

Infografiken und Videos

Ebenso wie die Videotelefonie werden 2020 auch vermehrt Videos und animierte, zum Teil interaktive Infografiken für die Bildung eingesetzt. Neben unendlich vielen privat produzierten Erklär-Videos bei Youtube gibt es viele (semi-)professionelle Web-Angebote, die Webinare zu den unterschiedlichsten Themen anbieten. Da die jungen Studenten überwiegend mit Fernsehen und Internet aufgewachsen sind, gehören diese Wissensvermittler wie Texte zum allgemeinen Lehrstoff.

Lukas könnte sich eine Wissensvermittlung nur mit Texten überhaupt nicht vorstellen. Er ist der Meinung, dass man mit einem Erklär-Video oder einer virtuellen Simulation viel schneller lernt als mit einem Buch. Einige (klassische) Bücher hat er zwar als Nachschlagewerke immer auf seinem Tablet verfügbar, aber ganz durchgelesen hat er kaum eines davon. Durch die schnelle Stichwortsuche muss er nur noch einen passenden Begriff eingeben oder dem Sprachassistenten nennen und schon werden ihm die relevanten Stellen angezeigt. Ganz verzichten wird er auf die "Klassiker" trotzdem nicht. Aber er findet lesen in gedruckten Büchern eher lästig. Seine Welt ist ja schließlich mehrdimensional und sehr schnelllebig. Und außerdem kann er in virtuellen Texten viel besser Anmerkungen unterbringen, die er später auch wiederfindet.

24/7 Nutzung von Cloud basierten digitalen Diensten

Lukas informiert sich immer dann, wenn er eine Information braucht. Das macht er nahezu ausschließlich mit Hilfe eines seiner mobilen Breitband-Interfaces, die über einen sogenannten Cloud-Server miteinander verbunden sind und dadurch auch mit den verschiedenen Medienangeboten, sowie den sozialen Netzwerken.

In der Cloud ist die Bereitstellung vieler Informationen vom Zugang zu den vorherrschenden "Social Network"- bzw. "Social Media"-Angeboten oder den von Streaming-Diensten angebotenen Services abhängig. Die Dienste kommen jedoch mit ihren vielfältigen Diensteanhängseln (z.B. Facebook, Instagram, Whatsapp, Oculus) quasi ohne ordnende Hierarchien aus und sind über viele verschiedene Zugangspunkte erreichbar. Lukas wählt sich häufig sogar einfach nur per Fingerabdruck- oder Gesichts-Scan über seine smarten Geräte bei den Cloud-Services ein.

Bezahlt wird die Nutzung dieser digitalen Dienstleistungen per monatlichem Abo und Abbuchung von einer Kreditkarte oder mit der Erlaubnis zur Bereitstellung der persönlichen Nutzungsdaten und die Bereitschaft Werbung innerhalb der Feeds zu erlauben – was für die meisten Social-Media-Dienste gilt.

"Fast-Food" Information

Ob die Einstellung unseres Studenten zur On-Demand-Wissenserweiterung so 100%-ig sinnvoll ist, sei mal dahingestellt. Allerdings ist Lukas in einer Welt aufgewachsen, die diese Einstellung gefördert hat. Er hat es nicht wirklich gelernt lange, komplexe Texte zu lesen und zu üben diese zu verstehen, mit anderen Informationen (aus anderen Themenbereichen) zu vergleichen und zu interpretieren. Ihm sind eher die kurzen Texte von Internetseiten bekannt – kurz und knapp aufbereitete Informationshäppchen, die den schnellen Informationshunger befriedigen aber nicht ganz "satt" machen. Eine Hintergrundrecherche fällt oft den vielen anderen Kommunikations-, Info- und Entertainment-Angeboten zum Opfer, die um Aufmerksamkeit buhlen.

Die Kurzlebigkeit von vielen Informationen ist für Lukas ganz normal. Normal ist auch, dass er die gesehenen oder gelesenen Information kurze Zeit später häufig schon wieder vergessen hat und wieder nachschauen muss. Dies zu hinterfragen muss er noch lernen, wie viele seiner Altersgenossen. Da geht es ihm allerdings ebenso wie vielen Menschen vorangegangener Generationen, die ihre Wissenslücken mit Hilfe eines gedruckten Nachschlagewerks temporär geschlossen haben oder schließen.

Mangel an "echter" Medienkompetenz

Eine tiefgreifende Medienerziehung hat Lukas nie genossen. Dafür hatten seine Eltern und der Großteil seiner Lehrer selbst nicht die nötige Kompetenz mitgebracht. In den 2010er Jahren wurde das Thema Medienkompetenz zwar immer wieder heiß diskutiert, aber ein Schul-Pflichtfach neben Deutsch, Mathematik und Englisch ist es nie geworden. Daher hat Lukas leider auch nicht gelernt, Informationen, die er aufnimmt, ausreichend kritisch zu hinterfragen.

Er kann zwar mit der Technik reibungslos umgehen, aber der kritische Umgang mit den Inhalten in Sozialen Medien – aber auch in etablierten Medien – ist deutlich schwieriger. Allein die Hintergrund-Recherche zur Verwendung von Nutzungsspuren und Nutzer-Medieninhalten in den neuen sozialen Netzwerken erfordern mehr als nur das Durchlesen der Datenschutzerklärung und der Geschäftsbedingungen der Anbieter – mal ganz davon abgesehen, das Lukas keine dieser Erklärungen jemals komplett durchgelesen hat – TL;DR*.

Lukas nutzt die modernen Hilfsmittel wie selbstverständlich. Ohne seine in den sozialen Netzwerken hinterlassenen Nutzerprofil-Spuren, seine Web-Feeds oder Podcast-Abos und die Algorithmen der Netzwerke, die seine persönlichen Interessensgebiete im Laufe der Zeit zu sortieren gelernt haben, müsste unser Student jeden Tag selbst entscheiden, welche der hunderttausenden von neuen Nachrichten er sich widmen soll. Durch die automatische Filterung bleibt im das erspart. Allerdings ist Lukas dadurch auch häufig in einer sogenannten Filterblase gefangen – ohne sich dieser Filterung permanent bewusst zu sein.

Zusammentreffen verschiedener Medien-Sozialisations-Generationen

Viele der Professoren im Jahr 2020 sind noch Schüler der "alten Medien Schule" und haben eine Bildung vor und während der Entstehung des Internets und der folgenden digitalen Medien erlebt. Sie haben dem entsprechend andere Ansprüche an Analysefähigkeiten, Allgemeinbildung, fachliches Grundwissen, Kreativität und Verknüpfungskompetenz als Lukas dies bisher gelernt hat. Ein 24/7-Nachschlage-Verhalten lassen sie nicht gelten. Die digitalen Hilfsmittel, mit denen Lukas aufgewachsen und umgeben ist, werden zwar intensiv für die Lehre genutzt, den Dozenten ist die Ausfallwahrscheinlichkeit dieser Mittel aber durchaus bewusst. Daher werden auch immer wieder klassische, analoge Medien für den fachlichen Kompetenzaufbau eingesetzt. Lukas hält das allerdings für überhaupt nicht zeitgemäß.

Die Herausforderungen für alle Beteiligten an den Hochschulen, die durch die Corona-Pandemie entstehen, sind zum Teil auch der mangelnden Vorbereitung auf eine digitale Lehre bzw. digitales Lernen und Zusammenarbeiten zurückzuführen. Spätestens seit diesem Jahr wird deutlich, wie wichtig eine gute Zusammenarbeit zwischen Studierenden und Lernbegleitern ist – auch was den gemeinsamen Aufbau von Fähigkeiten in Zeiten des "Digitalen Wandels" betrifft.

Die Vertreter der verschiedenen Medien-Sozialisations-Generationen können ihre unterschiedlichen Erfahrungen mit verschiedenen Medientechnologien und den Herausforderungen unterschiedlicher Medieninhalte zusammenbringen und dadurch innovative Lösungen und nachhaltig nutzbare Kompetenzen entwickeln. Was an einigen Bildungseinrichtungen auch passiert.

Analog vs. digital

Die analoge Welt wird heutzutage zwar nahezu 1:1 in der digitalen Welt abgebildet und dort zum Teil sogar durch neue rein digitale, virtuelle Optionen erweitert (Stichworte: "Virtual Reality", "Augmented Reality"), das Leben ganz allgemein findet aber auch, trotz eingeschränkter Begegnungsmöglichkeiten im Corona-Jahr, weiterhin analog statt – und geht auch weiter, wenn der Strom mal ausfällt oder das Internet nicht verfügbar ist.

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* Anmerkung für Menschen, die nicht alle Abkürzungen der digitalen Welt parat haben: TL;DR = „too long; didn't read“ bzw. „zu lang; nicht gelesen“ bzw. „Der Text war mir zu lang, den habe ich nicht gelesen“. Wenn Sie bis hierhin gelesen haben, gilt das offensichtlich nicht für Sie.


Die nächste Etappe in die Zukunft: 2030

Voraussichtlich werde ich ab 2021 mit den Aktualisierungen unserer Hypothesen für 2030 beginnen. Im Jahr 2013 hatte unser Team auf Anfrage eines Print-Magazins eine Vision 2030 rund um die Studentin Mia entwickelt. Ob diese Thesen noch realistisch sind, werde ich in den kommenden Monaten und Jahren neu beurteilen. Damals wurde von mir ein Paradigmenwechsel durch die Möglichkeiten neuartiger Technologien angekündigt.

Vielleicht findet dieser Paradigmenwechsel für viele von uns tatsächlich statt, aber evtl. nicht durch Medientechnologien ausgelöst, sondern durch die Herausforderungen des Klimawandels, durch die weltweite Verbreitung tödlicher Krankheiten oder eine noch unbeachtete andere globale Entwicklung.

Ich werde mich in Bezug auf die Zukunft (insbesondere im Bereich der Medientechnologien) weiterhin aufmerksam und kritisch mit den kommenden Entwicklungen auseinandersetzen.

Das Jahr 2020 hat jedoch gezeigt, wie wenig wir auf scheinbar außergewöhnliche Ereignisse vorbereitet sind. Sogar dann, wenn Experten einige dieser Ereignisse schon seit Jahrzehnten für möglich oder sogar sehr wahrscheinlich halten.


Nutzungsrechte

Wir haben auch die neuen "Medienrealität 2020" Illustrationen mit einem Creative Commons Copyright gekennzeichnet, um sie für interessierte Schüler, Studierende und Lehrende als Diskussionsgrundlage nutzbar zu machen. Für eine kommerzielle Nutzung halten alleine Christoph Steinhard und die projektwerft GbR das Copyright. Die aus der Studienarbeit gewonnenen Ergebnisse werden wir auch weiterhin in aktuelle und zukünftige Projekte einfließen lassen.

Eine kommerzielle Nutzung der Illustrationen und Szenarien oder Teile daraus erfordert immer die schriftliche Zustimmung der projektwerft. Dies gilt insbesondere für Geschäftspräsentationen, Workshops oder Vorträge zum Thema. Dadurch möchten wir u.a. eine Feedback-Schleife für zukünftige Optimierungen etablieren. Lizenzierungen sind auf Anfrage möglich.


Mittwoch, Januar 01, 2020

2020 Zukunftshypothesen im Realitätscheck

Willkommen in der Zukunft!


Vor zehn Jahren war 2020 noch genau das für mich: die Zukunft.
Mit den 2008 gestarteten Kommunikation 20/20 Projekten wollte ich möglichen zukünftigen Medienrealitäten näher kommen und die multimedialen Entwicklungen weiterdenken, die insbesondere durch die weltweite Digitalisierung und Vernetzung in den 1980er, 1990er und 2000er Jahren Schritt für Schritt und Jahr für Jahr stärker in unser aller Leben Einzug gehalten haben.

Mein persönlicher Ansatz dabei war es, Menschen dabei zu helfen, Veränderungen, die durch neue Technologien entstehen (können), sichtbar und bewusst zu machen. Das Ziel der ersten Projekte lag insbesondere darin, eine Diskussionsbasis zu schaffen, die in Gesprächen über sowohl vergangene wie auch mögliche zukünftige Entwicklungen genutzt werden kann. Daher habe ich damals mit einem kleinen Team aus befreundeten Medienexperten und neugierigen Unterstützern die Medienwolken Grafiken 1960 – 2010 erarbeitet und anschließend ein hypothetisches Zukunftsszenario für das Jahr 2020 entwickelt. Das gesteckte Ziel wurde definitiv erreicht, weil das Material seit der Veröffentlichung national und international in Schulen, Universitäten und sogar großen Unternehmen zum Einsatz gekommen ist und dort u.a. die Diskussionen über den „digitalen Wandel“ unterstützt hat.

Nun sind wir in der damaligen Zukunft angekommen und es ist an der Zeit, die aufgestellten Hypothesen zu überprüfen. Die Frage ist: Welche Technologien, Medienträger oder Werkzeuge sind in diesem Jahr tatsächlich verfügbar und wie hat sich die Nutzung von Kommunikationsmedien, Recherche- und Kreativwerkzeugen oder Entertainmentangeboten seit 2010 verändert? Obwohl ich die Hypothesen 2013 nochmal etwas überarbeitet habe, sind viele der ursprünglichen Annahmen aus dem Jahr 2010 erhalten geblieben und sowohl visuell wie auch schriftlich hier im Blog festgehalten.

Jeder Leser dieses Blogs oder Nutzer der bisher veröffentlichen Arbeitsmaterialien kann sich selbst ein Bild davon machen, ob die damalige „Vision 2020“ mit unserem 20-jährigen, studentischen Protagonisten Lukas völlig absurde Zukunftsspinnerei war oder nahe an der heutigen Realität.

Dabei möchte ich es aber nicht belassen. Dieses Jahr möchte ich einige der Entwicklungen der vergangenen zehn Jahre retrospektiv betrachten und dabei auch die Hypothesen für 2020 überprüfen. Hat sich die digitale Infrastruktur verändert und haben wir eine neue Bezeichnung dafür? Ist Videotelefonie eine etablierte Kommunikationsform? Gibt es mittlerweile tatsächlich finanzierbare Datenbrillen, mit denen ich auf besondere Weise digitale Inhalte anzeigen und in virtuelle Welten eintauchen kann? Nutzt ein zwanzigjähriger Student tatsächlich Austausch- und Lernplattformen im Internet? Können wir wirklich auf nahezu jedem verfügbaren Display unsere personalisierten News ausgeben lassen? Ist der Wunsch nach mehr Medienkompetenz in Schulen, Hochschulen oder am Arbeitsplatz wirklich noch ein Grund zur Diskussion oder sind wir mittlerweile alle gut gebildete Medienexperten?

Diese Fragen und viele weitere möchte ich dieses Jahr betrachten und hoffe damit die Diskussionen zu den Veränderungen in unseren Gesellschaften auch weiterhin befruchten zu können. Vielleicht entwickelt sich aus den Analysen der bisherigen Hypothesen und den Beantwortungen der o. g. Fragen auch ein klareres Bild für neue Hypothesen einer möglichen Zukunft im Jahr 2030 – um mal bei den Sprüngen von zehn Jahren zu bleiben.

Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern des Kommunikation 20/20 Blogs einen guten Start in die 2020er Jahre.


Vergleichsgrafik Medienrealität 2010 vs. Vision 2020 (Stand 2013)
Medienrealität 2010 vs Vision 2020 (Stand 2013) + Medienwolken Legende 

Sonntag, Juli 22, 2018

Zukunftsoptionen der Medienhäuser

Bei einem Virtual-Reality-Workshop vor einigen Wochen wurde ich gefragt, wie ich mir die Zukunft von Verlagen und anderen Medienhäusern vorstelle, in einer Welt mit steigender Vielfalt an Medientechnologien. Meine spontane Antwort war: Vielfältig und multimedial.


Geschichtlicher Rückblick

In der darauf folgenden Erläuterung führte ich weiter aus, dass es mit Blick auf die Mediengeschichte der Druckerzeugnisse und der darauf folgenden Erfindungen wie Telegraf, Fotografie, Schellackplatte, Radio, Film und Fernsehen, die als eigenständige Medien-Technologieentwicklungen angesehen werden können, durchaus für eine gewisse Zeit sinnvoll war, diese Medienformen zu unterscheiden und jeweils passende Erzählformen zu etablieren. Ebenso sinnvoll war die Gründung entsprechender Medienhäuser und die Ausbildung von kompetenten Fachleuten mit Expertenwissen.

Mit zunehmender Digitalisierung von Daten und Medieninhalten seit Mitte der 1980er Jahre und insbesondere seit Etablierung der sogenannten "Social Media" Kanäle auf Grundlage des Internets in den 2000er Jahren hat sich dies aber verändert. Durch die mittlerweile nahezu durchgängige Digitalisierung von Inhalten (von der Erstellung bis zur Distribution), hat man eine gemeinsame technische Plattform als digitalen Medienträger (statt unterschiedlicher Trägerformate). Zudem sind extrem viele Werkzeug in Medienunternehmen Computer basierte, digitale Werkzeuge – und somit grundsätzlich nutzbar für die Erstellung und Bearbeitung unterschiedlichster Medieninhalte.

Mit dem Internet und insbesondere dem World-Wide-Web existiert seit spätestens Mitte der 1990er Jahre eine quasi permanent verbindende Infrastruktur für diverse, gleichzeitige Medienkanäle über die mittlerweile sowohl Text/Bild, Podcasts, E-Books, iP-Radio, Video-Streams, iP-TV, AR, VR und diverse andere digitale inhaltliche Formate gleichzeitig distribuiert werden können.

Grafik: Konvergenztendenzen durch digitale Medien. Leicht modifizierte Version von 2015 (die Originalversion "Konvergenztendenzen durch Multimedia" wurde 1995 erarbeitet): Hypothese eines digitalen Konvergenzträgers, die spätestens mit Einführung moderner Smartphones bestätigt wurde. Urheber: K. Heddergott und C. Steinhard. 


Für auditive, visuelle und einige haptische Reize haben wir schon gute bis nahezu perfekte digitale Übertragungsformen und Interfaces entwickelt. Aber zwei Sinnesreize sind noch nicht oder nur ungenügend digitalisierbar. Für olfaktorische und gustatorische Reize sind noch keine guten Ein-/Ausgabe-Interfaces für den Analog-Digital-Analog-Transfer vorhanden.

Grundsätzlich gilt schon jetzt: Die ehemals getrennten Elemente Text, Bild, Ton, Bewegtbild sind schon jetzt über ein etabliertes Ausgabemedium parallel nutzbar (z.B. Smartphone) und es ist sinnvoll, die jeweils günstigste Erzählform für eine Geschichte bzw. den Versuch einer Informationsvermittlung zu wählen. Mit der Einführung von moderner Virtual-Reality-Technologie wurde zusätzlich noch die visuelle und auditive dreidimensionale Verortung im Raum und ein gewisses haptisches Feedback möglich.

Die Fähigkeiten der oben erwähnten Experten werden auch weiterhin benötigt – nur mittlerweile deutlich vernetzter und weniger alleinstehend. Alle Experten müssen dafür über ihren bisherigen "Tellerrand" hinausschauen und eine Vielzahl paralleler Entwicklungen im Blick behalten, die auf die eigene Arbeit Einfluß haben und diese zum Teil sogar disruptiv verändern können.

Gegenwärtige Entwicklungen

Völlig unabhängig davon, aus welchem geschichtlichen Hintergrund heraus ein Medien- bzw. Verlagshaus entstanden ist, sind theoretisch alle Kanäle bespielbar. Einige große ehemals auf den Medienkanal Fernsehen ausgerichtete Medienhäuser machen das schon sehr gut vor, wie am Beispiel der vielfältigen Angebotskanäle der Tagesschau zu sehen ist. Die jeweiligen Sendungen werden zusätzlich mit Texten, Bilden, Infografiken, Videos, Links etc. weit über den eigentlichen Sendetermin des ehemalig zeitlich begrenzten Programmpunkts hinaus begleitet und über verschiedene Kanäle (TV, Webseite, Smartphone-App, iP-TV-App, Teletext, Youtube, u.a.) zeitlich und örtlich unabhängig zugänglich gemacht.

In manchen Medienhäusern fehlt jedoch, trotz Leidensdruck durch abnehmende Nutzerschaft, noch der Mut zur Veränderung und zur ernsthaften Anpassung an die modernen Wünsche der Rezipienten bzw. Nutzer. Schon längst sind Text, Bild, Ton, Video, interaktive Grafiken, Augmented Reality und sogar Web-Virtual-Reality gleichberechtigt nebeneinander nutzbar.

Mögliche zukünftige Ausrichtungen

Es gibt in den Extremausprägungen also grundsätzlich nur zwei sinnvolle Ansätze für Medienhäuser:
  1. Vollständig ganzheitlich multimediale Ausrichtung mit Publikationen über möglichst viele Distributions-/Medienkanäle hinweg und dem Einsatz diverser Monetarisierungsmodelle mit bestmöglichem Preis/Leistungsverhältnis für den Kunden bzw. Nutzer (eher für größere Unternehmen)
  2. Extreme Spezialisierung mit sehr eingeschränkter Anzahl an Distributions-/Medienkanälen und ebenfalls dem Einsatz diverser Monetarisierungsmodelle mit bestmöglichem Preis/Leistungsverhältnis für den Kunden bzw. Nutzer (eher für kleine Unternehmen)

Sicherlich ist auch eine unendliche Menge an Optionen zwischen diesen Extremen denkbar. Diese erfordern allerdings eine sehr überlegte Definition der eigenen Positionierung und insbesondere Antworten auf die Fragen nach dem "Warum gibt es unser Angebot?" und "Worin liegt unsere Besonderheit?". Damit einhergehend, muss die Leitung eines solchen Hauses gut erklären können, wieso der gewählte Weg für die Kunden bzw. Nutzer UND das Unternehmen der passende Weg ist.

Allen erfahrenen Medienexperten ist klar, dass es nicht zuerst auf das Trägermedium ankommt, so sehr man persönlich auch ein bestimmtes Medium bevorzugen mag oder unbedingt eine moderne Variante wählen will. Die größte Bedeutung fällt dem Inhalt zu, den man zugänglich machen möchte und der Entscheidung wie man diesen, mit Rücksicht auf das jeweilige Nutzungsszenario, der anvisierten Nutzerschaft gut vermitteln kann. Ähnlich wie beim Design sollte üblicherweise die Form (das Medium) der Funktion (dem Inhalt bzw. dem thematischenVermittlungsziel) folgen. Hauptsächlich künstlerisch motivierte Arbeiten seien hier einmal explizit außen vor gelassen.

Vom gesprochenen Wort bis zur virtuellen Realität

Unter Umständen ist z.B. ein Podcast, also das gesprochene Wort, die sinnvollere und erfolgreichere Version eines Textes, nicht das gedruckte Wort. Unter anderen Unständen kann aber auch die multimediale Entwicklung eines Virtual Reality Erlebnisses der richtige Weg sein, um ein komplexes oder sensibles Thema konzentriert, räumlich und nachhaltig erfassbar zu machen.

Je nachdem, wie ein Medienhaus in Zukunft aufgestellt ist, wird die Auswahl und Nutzung des passenden Mediums oder die Entscheidung, sich eines Inhalts bzw. Themas anzunehmen, unterschiedlich leicht fallen. Umso klarer die oben erwähnte Positionierung ist, desto einfacher werden diese Entscheidungen für alle Mitarbeiter*innen und die Führungsebene sein und desto zufriedener werden voraussichtlich die Nutzer bzw. Kunden der angebotenen Produkte und Leistungen sein.

Sonntag, Januar 14, 2018

Die SmartWatch als Trainer-Ersatz

... oder warum ein digitales Gerät unangenehme Wahrheiten ungestraft äußern darf. Ein 365-Tage-Dauertest.


Eine neue digitale Beziehung

Tägliche Anmerkungen wie „Normalerweise hast Du dich zu dieser Zeit schon viel mehr bewegt“, „Es ist Zeit mal wieder aufzustehen“ oder „Atme mal wieder tief durch – ich helfe Dir auch dabei“ sind üblicherweise nicht besonders gut dafür geeignet, um eine Beziehung positiv weiterzuentwickeln.

Kaum ein Freund oder Familienmitglied dürfte die Kommentare und Anmerkungen völlig ungestraft äußern, die ich meiner SmartWatch zugestehe – selbst wenn sie mit ihren Einschätzungen in Bezug auf meinen Bewegungshaushalt ähnlich Recht haben würden.

Sogar kluge, positive Motivation wie "Der Anfang ist die Hälfte des Ganzen. Lass nicht locker, Christoph! ..." kann zur falschen Zeit ausgesprochen zu etwas ganz anderem werden als ursprünglich beabsichtigt. Jeder, der schon einmal von seiner Partnerin bzw. seinem Partner "auf dem falschen Fuß erwischt wurde", weiß vermutlich was ich meine.

Das kann aber bedeuten, dass diese Art der Kommunikation nun tatsächlich an ein digitales Gerät ausgelagert wird, das auf Grundlage von gewonnen Daten die Hinweise gibt. Das Gerät wird damit nicht nur zum Medium, es ist quasi gleichzeitig Kommunikator und Trägermedium. Darauf muss man sich einlassen wollen. Allerdings glaube ich, dass wir uns seit Einführung von Siri, Alexa und Co. schon mitten in dieser Phase des Einlassens auf diese digitalen Assistentensysteme befinden.


Die Bedeutung von kleinen Erinnerungshilfen

Vielleicht hilft ein Bewegungsmesser wie die Apple Watch nicht dabei Beziehungen zu retten, aber vielleicht nimmt sie einem Partner die wahren, aber unangenehmen Bemerkung bezüglich der Bewegungsarmut des SmartWatch-Trägers ab. Warum also diese heikle Aufgabe nicht an ein digitales Medium abgeben? Und das kann dann wiederum zu mehr Entspannung in einer Beziehung führen – vielleicht ...


Doch keine Spielerei?

Aber ich erkläre jetzt lieber meine persönliche Motivation, trotz meiner kritischen und teils lästerlichen Bemerkungen über die Sinnhaftigkeit einer SmartWatch bzw. Apple Watch (siehe z.B. Blogeintrag vom 10.04.2013), nun doch nach einigen Jahren der Marktbeobachtung eine dieser Errungenschaften der digitalen Welt anzuschaffen – und ausgiebig zu testen.

Im Dezember 2016 bin ich zu dem Schluss gekommen, dass es wieder Zeit für eine bewusste Veränderung meiner Bewegungs- und Ernährungsgewohnheiten wäre.

Dazu sollte ich noch kurz erwähnen, dass mir die Adventszeit im Dezember mittlerweile auch dazu dient, eine persönliche Retrospektive des zuendegehenden Jahres zu erstellen. Diese Jahresanalyse fiel 2016 nicht gerade positiv in Bezug auf meine sportlichen Betätigungen aus: zuwenig gewandert, zuwenig gepaddelt, zuwenig Rad gefahren, grundsätzlich viel zu viel bequeme, motorisierte Fortbewegung genutzt. Dies gepaart mit einer etwas rückläufig bewussten Ernährung ist grundsätzlich keine gute Idee, wenn man die nächsten Jahre oder sogar Jahrzehnte fit bleiben will. Und obwohl ich eigentlich durchaus ein Freund von persönlichen, menschlichen Begleitern (neudeutsch Coaches) bei Veränderungsvorhaben bin, wollte ich diesmal ausprobieren, ob ein digitaler Begleiter auch positive Veränderungen ermöglichen kann. Zudem wollte ich intensiver testen, zu was man "dieses Ding" sonst noch nutzen kann. Schließlich ist eine moderne SmartWatch weder eine Uhr im klassischen Sinne, noch ein einfaches Aktivitäts-Tracking-Gerät und sollte auch nicht als solches angesehen werden. Die zusätzlichen Funktionen waren allerdings zunächst Beiwerk für mich, es ging mir hauptsächlich um alle Funktionen, die dazu geeignet sind meine Bewegungsarmut zu überwinden.

Die entgültige Entscheidung für einen 365-Tage-Selbstversuch mit einer SmartWatch habe ich dann am 31.12. gefällt und noch vor Jahreswende eine einfache Apple Watch 2 erworben. Ab 01.01.2017 sollte der Test dieses Sport-Gadgets dann beginnen.

Die Apple Watch 2 bringt im Vergleich zur Vorgängerversion einige für mich bedeutsame Optimierungen mit, die sie für den Einsatz beim Sport bzw. bei Outdoor-Aktivitäten nutzbar macht: 1) Sie ist mit eingebautem GPS auch unabhängig von einem Smartphone für die Aktivitäten-Messung nutzbar und 2) die Uhr ist ausreichend wasserdicht fürs Paddeln, Schwimmen, Surfen oder Schnorcheln. Zusätzlich wurde 3) die Bedienung des Gerätes grundlegend verbessert und 4) der Gamification-Ansatz für die Bewegungs-Motivierung sollte nun auch nutzbar sein.


Start mit einer Szenarien-Test-Woche

Das Ziel: Ringe schließen
Sofern sich der Träger auf die Apple Watch als Bewegungs-Coach einlässt, gilt es täglich drei Aufgaben zu meistern. Diese werden in ihrem Fortschritt durch drei farbige Ringe symbolisiert. Der vermeintlich wichtigste Ring ist rot und steht für die durch Bewegung verbrauchten Kalorien (dieser Wert ist manuell anpassbar – empfohlener Startwert bei mir waren 350 kcal). Der zweite Ring ist grün und zeigt an, wieviele der empfohlenen 30 min. Training pro Tag der Träger absolviert hat (dieser Wert ist fix). Ring Nummer drei zeigt die Anzahl der Stunden, in denen man sich mindestens für eine Minute aufrecht bewegt hat – dieser Ring ist blau. Der unveränderbare Zielwert für die Stehstunden liegt bei 12 Stunden.

Alle drei Aktivitätsringe gilt es täglich zu schließen. Das klingt zunächst ziemlich einfach, ist es aber für einen modernen Stadtmenschen mit einem Job am Schreibtisch nicht unbedingt. Das habe ich nämlich mit einem Selbstversuch in der ersten Woche herausfinden können. Die Uhr habe ich dabei nur während der Schlafphasen abgenommen und sonst permanent getragen. Ziel der Testwoche war es, herauszufinden, wie gut sich die Ringe bei verschiedenen Bewegungs-Szenarien eines Tagesablaufs schließen lassen. Das ging von einem eher bequemen Wochenendtag auf dem Sofa mit einer 30-Min-Bewegungseinheit am Schlagzeug bis zu einem bewegten Arbeitstag mit bewegungsreichem Weg zur Arbeit und einer zusätzlichen Trainigseinheit.









Bewegungs-Szenarien

  1. Bequemer Feiertag, lange ausschlafen, mit kleiner Trainingseinheit (01.01.)
  2. Bewegter Arbeitstag mit Aktivität auf dem Weg zur Arbeit und Trainingseinheit (02.01.)
  3. Bequemer Arbeitstag ohne Aktivität auf dem Weg zur Arbeit und ohne Trainingseinheit (03.01.)
  4. Bewegter Arbeitstag mit Aktivität auf dem Weg zur Arbeit und ohne Trainingseinheit (04.01.)
  5. Bewegter Arbeitstag ohne Aktivität auf dem Weg zur Arbeit und mit Trainingseinheit (05.01.)
  6. Bewegter Arbeitstag mit Aktivität auf dem Weg zur Arbeit und mit Trainingseinheit (06.01.)
  7. Bequemer Wochenendtag mit kleiner Trainingseinheit (07.01.)
  8. Bequemer Wochenendtag, lange ausgeschlafen, mit längerem Spaziergang (08.01.)

Ziel: Aktivitätsringe schließen!

Die Erkenntnisse der Testwoche haben mich anschließend tatsächlich das ganze Testjahr begleitet, da ich die Extreme nun kannte und sogar mein Zufriedenheitsniveau eines bequemen Tages im Vergleich zu einem bewegten Tag im Kopf hatte: Die bequemen Tage waren die, mit der wahrgenommen höchsten Unzufriedenheit und der stärksten Kompensation durch (überwiegend) ungesunde Ernährung. Sowas spornt dabei an, wieder deutlich mehr Bewegung ins Leben zu lassen. So war es zumindest bei mir.

Umsetzung der Erkenntisse

Nachdem ich mich damit angefreundet hatte, der SmartWatch eine gewisse Kontrolle über meinen inneren Schweinehund zu erlauben, konnte ich die kleinen Erinnerungen in Bezug auf das mal wieder angesagte Aufstehen vom Sitzplatz (der Hinweis kommt spätestens 10 Minuten bevor eine volle Stunde um ist und man sich nicht mind. 1 Minute aufrecht bewegt hat) oder eine Ermahnung, dass ich erst wenig von meinen Trainingsminuten absolviert habe (der Hinweis kommt spätestens am Nachmittag, wenn der grüne Ring noch wenig Füllung aufweist) als hilfreiche Assistenz beim Erreichen der Bewusstseinsveränderung akzeptieren. Hier fungiert die SmartWatch tatsächlich als eine Art künstlicher Gesprächspartner bzw. Erinnerer. Das ein oder andere Mal habe ich mich dabei erwischt, dass ich den kleinen Klugscheißer "freundlich" daran erinnert habe, dass ich dies schon selbst wüsste. Es ist daraus nie eine längere Diskussion entstanden – das ist sicherlich auch gut so.

So habe ich meinen Weg zur Arbeit wieder häufiger ohne Auto zurückgelegt, bin häufiger spazieren gegangen und habe ein paar Freizeit-Sportarten in mein Ausgleichprogramm zurückgeholt.

Die üblichen Verdächtigen, die häufig zu einem Neujahrsvorsatz in Bezug auf "mehr Sport" dazugehören, habe ich absichtlich nicht ins Bewegungsprogramm aufgenommen: Für die Erhöhung meiner täglichen Bewegungszeiten habe ich mich NICHT auf regelmäßiges Joggen eingelassen. Auch waren Besuche in einem Fitness-Studio KEIN Teil des Veränderungsprogramms. Allerdings spiele ich seit einem Jahr wieder täglich E-Drums – ein Effekt den ich ursprünglich nicht erwartet hätte – da meine SmartWatch das Schlagzeugspiel als durchaus ernstzunehmende sportliche Aktivität erkannt hat. Dass ich durch die tägliche Routine an diesem Instrument auch ein paar technische Fortschritte gemacht habe, war dabei ein netter, positiver Nebeneffekt meines Tests.

Einen wirklich erkennbaren Effekt des nun regelmäßigen Bewegens konnte ich allerdings erst sehen, nachdem auch die sinnvolle Umstellung der Ernährung (deutlich mehr Obst und Gemüse, statt künstliche Süßwaren oder Salzgebäck) mit der erhöhten täglichen Bewegung bei der Fettverbrennung geholfen hat – bzw. mehr verbrannt wurde, als hinzu kam.

Bei der positiven Entwicklung meines zurückgewonnen Bewegungsreichtum hat allerdings in der zweiten Jahreshälfte auch ein kleiner, ungeplanter Wettbewerb zwischen einigen meiner Familienmitglieder geholfen, von denen einige auch per SmartWatch mehr auf ihre Bewegung geachtet haben. Alleine die Verknüpfung meiner Tracking-Ergebnisse mit denen einer weiteren Person hat gereicht, damit wir uns gegenseitig bei der Bewegungsintensivierung positiv unterstützen konnten. Gemeinsam trainieren funktioniert so offensichtlich auch über hunderte von Kilometern.

Im Verlauf des Testjahres konnte ich mich dauerhaft von einigen überflüssigen Kilos um die Hüften herum verabschieden und selbst die Advents- und Feiertagszeit zum Ende des Jahres hat an dieser positiven Entwicklung nichts geändert.

Den Verlauf des Jahres im Detail zu beschreiben wäre nicht hilfreich und vermutlich eher langweilig. Wichtig ist aber zu erwähnen, dass ich im Laufe der ersten Monate überwiegend frühere Bewegungsroutinen wiederbelebt habe und mir Gedanken darüber gemacht habe, warum ich meiner Bequemlichkeit soviel Raum zugelassen habe.

Mit Ausnahme eines einzigen nicht vollendeten Stehstunden-Rings, konnte ich, innerhalb der auf die erste Test-Woche folgenden 365-Tage (09.01.2017 – 08.01.2018), täglich alle Bewegungs-, Trainings- und Steh-Ringe schließen. Erstaunlicher Weise, hat mich der nicht geschlossene blaue Aktivitätsring mehrere Tage geärgert, weil er meine bis dahin "perfekte" Bilanz in Bezug auf geschlossene Aktivitätsringe zerstört hat. Mit dieser kleinen "Macke" in der Bilanz musste ich erstmal zurechtkommen – was mir gezeigt hat, dass auch der Disziplin-Wettbewerb mit mir selbst durchaus eine nicht zu unterschätzende Rolle bei diesem Test spielte.

Ein Effekt, der mir am ehesten negativ aufgefallen ist, war eine gewisse Abhängigkeit der „Selbstkontrolle“ von dem digitalen Mess- und Coaching-Assistenten, der alle gesammelten Informationen auch mit meinem Smartphone geteilt hat. Und wenn ich mir über die zukünftigen Optionen des Missbrauchs dieser Infos Gedanken mache, komme ich schnell zum Thema Datenschutz in Bezug auf personengebundene Daten. Selbst gegen Beitragsvergünstigungen würde ich meine detaillierten Daten jetzt und in Zukunft nicht unbedingt mit Krankenversicherungen oder anderen Institutionen teilen wollen. Also auch nicht gerade ein Thema, bei dem ich diese Technologie nur positiv betrachte. Aber diese Erkenntnis und ein entsprechend kritisches Bewusstsein in Bezug auf die ermittelten Daten ist ja auch etwas wert – positiv gesehen ;-)



Fazit

Der beste Effekt dieses 365-Tage-Versuchs ist meine insgesamt höhere Zufriedenheit, trotz anstrengender Arbeitsbelastung. Dazu kommt der Willen, die Bewegungseinheiten auch weiterhin als festen Bestandteil meines Tagesablaufs beizubehalten. Ob ich dafür in Zukunft weiterhin immer die SmartWatch zur Kontrolle benötigen werde, wird sich noch zeigen.

In Bezug auf die Kosten für dieses 365-Tage-Coaching kann ich auch festhalten, dass mich vermutlich kein menschlicher Fitness-Trainer oder sonstiger Veränderungsbegleiter für einmalige 450 Euro (Anschaffungspreis der SmartWatch) durch das Jahr 2017 begleitet hätte und zur passenden Zeit einen Impuls für die Optimierung meiner Bewegungsziele gegeben hätte. Das entspräche einem 24/7-Service für ca. 1,25 Euro pro Tag – und dieser Wert relativiert sich durch die Expansion der Nutzung weiterhin. Darauf muss sich ein menschlicher Coach erstmal einlassen wollen.

Diesbezüglich vermute ich leider wieder durch diese Art der Digitalisierung eine Tendenz der Disruption in einem Berufszweig, dessen Vertreter bisher nicht ahnen, dass ein digitales Medium wie eine SmartWatch die zukünftigen Verdienstoptionen massiv reduzieren könnte. Aber das bleibt auch in diesem Segment abzuwarten – vielleicht gehören Menschen wie ich ja überhaupt nicht zur Zielgruppe der Personal Trainer und eine SmartWatch ist somit keinerlei Konkurrenz – vielleicht ...


Einfache Zusammenfassung

Erkenntnisse nach einem Jahr täglicher Nutzung einer SmartWatch in der Funktion als persönlicher, digitaler Bewegung-Coach.


Pros:

  • Veränderung der Bewegungsgewohnheiten
  • Bewussterer Tagesablauf
  • Einbau von täglichen, kleinen Trainingseinheiten (15 - 30min.)
  • Schlagzeugspiel als besondere Bewegungseinheit entdeckt
  • "Geist + Körper"-Training hilft beim mentalen Ausgleich
  • Reaktivierung von längeren Spaziergängen oder Wanderungen
  • Tanzen wiederentdeckt
  • Treppensteigen wiederentdeckt
  • Bewusstere Trinkgewohnheiten etabliert
  • Neudefinition der Ernährungsgewohnheiten
  • Bewussterer Umgang mit Atemübungen etabliert
  • Deutlich mehr persönliche Ausgeglichenheit – im Vergleich zu den vorangegangenen Jahren
  • Gewichtsabnahme durch die Kombination aller Maßnahmen ab Mitte des Jahres
  • Nutzung der Trainingsfunktion ab Mitte des Jahres führt zur deutlichen Erhöhung der Motivation
  • Gamification Ansatz funktioniert nicht nur für mich, sondern zieht Kreise in der Familie (sogar bei Personen ohne Apple Watch)
  • Positiver "Bewegungswettbewerb" im familiären Kreis

Cons:

  • Messungen können nur als Orientierungshilfe genutzt werden und sind nicht zu 100% genau.
  • Abhängigkeitserscheinungen von dem Messwerkzeug ("Sucht" nach positiver Bestätigung durch den digitalen Assistenten)
  • Überlegungen, wie man die Messung „positiv“ beeinflussen kann
  • Überlegungen für weitere körperliche Optimierung durch Quantifizierung (zum Glück nicht weiter verfolgt)
  • Überlegungen über die jetzigen und zukünftigen Missbrauchsmöglichkeiten meiner gesammelten Daten durch Krankenkassen, Versicherer etc. führen nicht unbedingt zu Begeisterung (Thema Datenschutz!)

Ein kleiner Blick in die Zukunft

Wenn ich mir eine erweiterte Version meiner aktuellen SmartWatch vorstelle, die mit zusätzlichen Biosensoren ausgestattet wäre und zusätzlich einen Chip mit künstlicher Intelligenz bereitstellen würde, sind noch abwechslungsreichere und individuellere Motivations-Szenarien denkbar.

Was wäre, wenn meine "Uhr" dann auch meine Stimmungslage nach einem Training oder einem Entspannungsmoment erfassen kann und im Laufe der Zeit daraus lernen kann, mir situationsabhängig passende Empfehlungen zu geben, die sich positiv auf meinen Bewegungshaushalt und meine Ausgeglichenheit auswirkt. Im vergangenen Jahr hätte mir die Uhr vermutlich zu mehr Zeit im Wasser und auf dem Surfboard geraten, weil ich nach der sportlichen Aktivität im bzw. auf dem Wasser anschließend immer so „breit grinsend“ entspannt war.

Noch einen Schritt weiter gedacht, koppele ich die SmartWatch dann zusätzlich mit einem weiteren wearable Device vor meinen Augen, das mir Augmented oder Virtual Reality ermöglicht. Dadurch wären meiner Bewegungsmotivation kaum noch Grenzen gesetzt. Durch die Erweiterung meiner Erlebnisräume könnte ich mich in Umgebungen bewegen, die mir zusätzliche Anreize in Form von völlig neuartigen, virtuellen Sportarten bieten.

Das klingt noch etwas nach HAL9000 und Science Fiction, kann aber für Menschen mit einem herausfordernden Alltag durchaus hilfreich sein, um fit zu bleiben. Und so ein Device kann entsprechend ausgestattet sogar vor Überlastungen oder krankheitsbedingten, drohenden Ausfällen warnen.

Vielleicht könnte ein menschlicher Beobachter und Begleiter etwas ähnliches ermöglichen. Aber welche Person begleitet mich 24/7 mit dem Fokus, meine Gesundheit zu erhalten, tatsächlich durch den Tag – oder würde dies für 1,25 Euro pro Tag tun?



Freitag, April 29, 2016

NGO Blended Learning – Kleine Bildungsrevolution?!

In dem Artikel "Sie ändern alles#", der aktuell in der ZEIT (NR. 19 / 2016) erschienen ist, wird ein interessantes neues Start-Up Projekt im Bereich Bildung beschrieben.

Bei der NGO-Unternehmung Kiron geht es, einfach beschrieben, um einen vereinfachten Zugang zu höherer Bildung durch die Umgehung von klassischen, bürokratischen Barrieren. Das aktuelle Angebot richtet sich speziell an Menschen, die aus ihrer Heimat geflohen sind und mit Hilfe von Kiron die Möglichkeit einer höheren Weiterbildung erhalten sollen. Das angewendete Konzept des "Blended Learning" (einer Kombination aus Online- und Offline-Studium) wird hier für die Vorbereitung eines regulären Studienabschluss angewendet. Dieser Ansatz wäre grundsätzlich auch für alle Bildungsinteressierten weltweit anwendbar.

Da das Lernen über Kiron durch eine Bildungskooperation mit verschiedenen Universitäten ermöglicht wird und die Inhalte von überall auf der Welt per Smartphone und Internet-Verbindung nutzbar sind, kann dieses Projekt für die weltweite Verbreitung neuer Denkansätze in Bezug auf neue Werkzeuge in Bildungssystemen sorgen.

Wenn es möglich wird, dass selbst aus einem Flüchtlingslager in einem fremden Land heraus (also mit ganz geringen Mitteln) ein Schritt zur höheren Bildung ermöglicht wird, dann sollte dies in Zukunft nahezu überall möglich sein. Dies würde dann möglich, wenn wir die mit dieser Art von Demokratisierung verbundenen Veränderungen als Chancen verstehen und nicht als Gefahr.

Die weitere Entwicklung dieser Unternehmung wird für alle Menschen, die sich mit neuen Bildungsoptionen und Veränderungen in unseren modernen Gesellschaftssystemen beschäftigen, spannend sein.

Mehr Infos zu diesem Bildungsprojekt:

Sonntag, Februar 07, 2016

Skills Camp Session – Thesen zur Vision 2030

Einige unserer Thesen zur "Vision 2030" wurden am vergangenen Samstag (06.02.) in einer Session beim Skills Camp der Hamburger Kreativ Gesellschaft im Betahaus Hamburg diskutiert.

Das Thema der Session war: IBM Watson 2030 – Welche Auswirkungen könnten "Kognitive Computersysteme" auf Jobs in der Kreativbranche haben? Sparringpartner oder Jobkiller? Könnte sich die Technologie von IBM Watson auch zum "Virtuellen Privatassistenten" entwickeln, der im Medienwolken Szenario zur Kommunikation 2030 Erwähnung findet? 

Thesenfolie/Grafik zum Thema "IBM Watson 2030" – Kreative Marketing Experten und Kognitive Computersysteme – Entwicklungspotential und Konsequenzen
Thesenfolie/Grafik zum Thema "IBM Watson 2030"

Wir konnten in den verfügbaren 45 min. nur Ansätze besprechen und einen Einstieg ins Thema schaffen. Interessant und wertvoll war der Austausch dennoch. Die Sessionteilnehmer aus verschiedenen Bereichen der Kreativbranche waren sich einig, dass solche Themen und Thesen vielfach und mit mehr Zeit ausgestattet diskutiert werden sollten. Ein Teilnehmer der Session forderte entsprechende Debatten über die "Vision 2030" insbesondere in Berufsverbänden. 

Diese Forderung unterstütze ich zu 100%. Betroffen sind bei den anstehenden Veränderungen nicht nur Marketing Experten (wie in unserem Beispiel präsentiert), sondern nahezu jede Fachkraft, die sich bisher insbesondere auf die persönliche Erfahrung berufen und auf das (irgendwann einmal) gelernte Fachwissen gestützt hat. Kognitive computerbasierte "Unterstützungssysteme" könnten in Zukunft den bisherigen persönlichen, menschlichen Vorteil bei kreativen Herausforderungen relativieren ... insbesondere in Bezug auf die heutzutage allseits beliebte Effizienz, aber auch in Bezug auf die Qualität und weitere wichtige Kriterien.

Samstag, November 21, 2015

Barcamp Hamburg: Kleine Retrospektive

Bildhafte Zusammenfassung meiner Barcamp Hamburg Session vom 14.11.2015
Das Barcamp Hamburg 2015 ist nun schon vor genau einer Woche viel zu schnell zu Ende gegangen. An den zwei Tagen Barcamp konnte ich viele neue Impulse mitnehmen, über die unterschiedlichsten Themen einen überwiegend konstruktiven Meinungsaustausch pflegen und hoffentlich selbst ein paar hilfreiche Impulse erzeugen.

Themenvielfalt
Von Diskussionen über die Inhalte, die der aktuellen Virtual Reality Technologie zum Durchbruch verhelfen könnten, über einen Vortrag über Ansätze des Fachbereichs "Positive Psychologie" oder Praxistipps für schöneres Schreiben auf Flipcharts, bis zum Meinungsaustausch über eine mögliche gesellschaftliche und technologische Realität im Jahr 2040 waren die unterschiedlichsten Themen auf dem diesjährigen Barcamp Hamburg vertreten. Es gab viel mehr interessante Sessions, als ich persönlich besuchen konnte. Ich hatte den Eindruck, dass nahezu jeder Teilnehmer an genau dieser offenen Vielfalt interessiert war und dadurch extrem viele wertvolle Gespräche und Gedanken entstehen konnten.

Perspektivwechsel als Thema
Bei meiner Session zum Thema "Perspektivwechsel" habe ich als ein Beispiel für den gezielten Aufbau von Stellvertretern, die einen Perspektivwechsel der betrachtenden Personen ermöglichen, das Medienwolken Kategoriensystem vorgestellt. Damit wollte ich demonstrieren, wie man mit einem System, das als Ausgangspunkt immer eine individuelle Person nutzt (die persönlich oder im Team erarbeitet wird), einige neue Sichtweisen auf abstrakte Themen oder Zusammenhänge ermöglichen kann. In meinem Fall waren die individuelle Mediennutzung und die Veränderungen in den Medienrealitäten über Jahrzehnte hinweg die Themen.

Zugegebener Weise war die Präsentation und Diskussion in diesem Fall eine Herausforderung für mich – bei einem Zeitlimit von knapp 30 min. Projektvorstellung und nur 15 min. Diskussionszeit. Leider war durch diese Limitierung keine Zeit für die Teilnehmer der Session auch ihre eigenen aktuellen oder zurückliegenden Medienwolken mit mir gemeinsam zu erstellen – was sicherlich den Nutzen des Systems noch besser veranschaulicht hätte.

Aber der Versuch war trotzdem ein Erfahrungsgewinn. Bisher hatte ich für ähnlich Veranstaltungen immer ca. 2 Stunden zur Verfügung. Diese Zeit scheint die Bearbeitung des Themas mit mehreren Personen auch zu benötigen. Dies ist ja auch eine nutzbare Erkenntnis.

Erfahrungsgewinn
Die zwei Tage auf dem Barcamp Hamburg wären für mich aber auch ohne eigene Session ein Gewinn gewesen. Auf einem so großen Barcamp (ca. 400 Teilnehmer) war ich zuvor noch nicht und die Themenvielfalt (mehr als 100 Sessions) war enorm. Es war absolut lohnenswert, sich den darin liegenden Herausforderungen zu stellen.

Dienstag, September 15, 2015

Leitmedium Internet – wann kommt der Umbruch?

Die aktuellen Ergebnisse der Langzeitstudie von ZDF/ARD zum Thema Massenkommunikation lassen interessante Blicke auf die Veränderungen der Mediennutzung der Deutschen zu. In den letzten Jahren verändern sich die Nutzungszeiten nach und nach Zugunsten digitaler Medien. Wie man der zur Studie passenden Grafik von Statista entnehmen kann, ist insbesondere die Gruppe der 14-29 Jährigen bei der Verwendung neuerer Medien mit deutlich höherer Nutzungsdauer positioniert, als der Durchschnitt der Gesamtheit der 4300 Befragten ab 14 Jahren.
https://de.statista.com/infografik/3792/mediennutzungsdauer-2015/
Fernsehen schlägt Internet – doch wie lange noch (Quelle: ARD/ZDF Langzeitstudie & Statista)


Besonders auffällig ist die unterschiedliche Nutzung beim Vergleich der Nutzungsdauer von Fernsehen und Internet. Hier weicht die Mediennutzungsdauer der jüngeren Nutzer vom Gesamtdurchschnitt deutlich ab und es ist hervorzuheben, dass sich in dieser Gruppe schon jetzt eine Verschiebung des Leitmediums vom Fernsehen zum Internet vollzogen hat (sofern man Internet als ein Medium begreift).

Interessant ist aber ebenfalls die Nutzung von Büchern, Magazinen und Zeitungen. Während die Tageszeitungen und Zeitschriften in der jungen Nutzergruppe eine deutlich geringere Bedeutung zu haben scheinen, sind Bücher (hier wird nicht zwischen analog oder digital differenziert) leicht bedeutsamer als beim Gesamtdurchschnitt aller Nutzer.

Die Grafik von Statista zeigt deutlich, dass im Bereich der Massenmedien durch die nachkommenden Generationen eine Verschiebung der Nutzungsdauer verschiedener Medien stattfindet. Entgegen der Beteuerungen von Vertretern der klassischen Medien, wird es, durch die nachwachsenden Generationen ausgelöst, einen deutlichen Wechsel im Leitmedium geben: TV wird nicht mehr auf Platz eins stehen. Diese Veränderung wird sich auch im sonstigen Mediennutzungsverhalten niederschlagen und sicherlich auch auf andere Bereiche der Kommunikation auswirken.

Ob der finale Wechsel im Leitmedium für die deutsche Gesamtbevölkerung noch fünf, zehn oder fünfzehn Jahre dauern wird ist letztendlich egal. Der Wandel hat sich bei den jüngeren Nutzergruppen schon vollzogen und wird sich weiter ausbreiten.


Mittwoch, Juni 03, 2015

Mediennutzungszeit – Internet basierte Medien vs. klassische Medien

Der Informationsservice von Statista scheint mich gerade mit (zum Kommunikation 2020 Blog) passenden Infografiken füttern zu wollen. Der heutige Infografik-Newsletter hatte die Veränderungen in der Nutzungszeit von klassischen vs. Internet basierte Medien als Inhalt.

Sichtbar ist, dass den klassischen Medien (TV, Zeitungen/Zeitschriften, Radio, Kino) von 2010 bis 2014 insgesamt weniger Nutzungsdauer zukommt, während die für "das Internet" aufgebrachte Zeit steigt.

Dabei sollte allerdings berücksichtigt werden, dass in den 65 Ländern, die als Grundlage für die Erhebung herangezogen wurden, die Nutzungsdauer für die Gruppe der klassische Medien noch deutlich über der gemessenen bzw. angegebenen Nutzungszeit für Internet basierte Medien liegt. Dies könnte aber auch daran liegen, dass in der Gruppe der klassischen Medien auch Radio und TV vertreten sind, die u.a. als "Nebenbei"-Medien betrachtet werden können. Inwieweit die entsprechenden Gegenstücke bei den Internet basierten Medien mitgerechnet wurden wird nicht klar.

Dennoch eine beachtenswerte Infografik, die Tendenzen sichtbar macht, aber auch einige Fragen nach den tatsächlich gemessenen Daten aufwirft. 

Grafik: Internet wächst auf Kosten traditioneller Medien (Quelle: ZenithOptimedia & Statista)


Mehr Infografiken finden Sie bei Statista

Dienstag, Juni 02, 2015

Web goes Mobile – 10 Jahre später

Heute erreichte mich ein Newsletter von Statista, der eine Infografik zum Wachstum der Internetnutzung per Mobiltelefon (Smartphone) enthalten hat (siehe unten).

Bei der Gelegenheit ist mir aufgefallen, dass wir vor ziemlich genau 10 Jahren diesen Trend vorhergesagt haben. Dies war auch der erste Blogeintrag, den ich für den Kommunikation 2020-Blog aus dem Vorgänger-Blog ("Kommunikation der nächsten Generation") übernommen habe.

Als kleine geschichtliche Erinnerung: Dieser Blogeintrag erfolgte einige Jahre bevor das iPhone veröffentlicht wurde – wahrnehmbar waren die Tendenzen zu einer stärkeren Mobilisierung der Internetnutzung für einige Medien-Experten aber schon damals.

Für alle, die eine Entwicklung der mobilen Breitband-Anschlüsse von 2010 - 2015 betrachten wollen, gibt es die Statista-Grafik auch hier im Blog zur Ansicht.

Infografik: Mobile erobert das Internet (Quelle: ITU & Statista)



























Mehr Statistiken finden Sie bei Statista

Donnerstag, März 05, 2015

Lernen 2030 - Eine neuartige Lernbegleitung?

Ein Weg zur Vision für 2030 - Bildung in der Zukunft

In der letzten Woche hatte ich ein Wechselbad der Eindrücke zwischen Social Media Week (Hamburg) und Didacta (Hannover) von dem ich noch etwas irritiert bin, insbesondere aufgrund der zum Teil sehr unterschiedlichen Eindrücke. Vielleicht wird man diese leichte Konfusion auch in dem folgenden Artikel wiederfinden. Mir ging es in der vergangenen Woche insbesondere darum, Veränderungstendenzen in Bezug auf die Optimierung der Lernbegleitung und der Nutzung moderner Medien aufzuspüren. Dies ist mir zum Teil gelungen. Die wichtigste Beobachtung für mich war, dass scheinbar kein Akteur im Bildungssystem wirklich zufrieden mit dem aktuellen Zustand zu sein scheint und viele nach neuen Lösungen und Ansätzen suchen.

Nach meinen vorausgegangenen Ankündigungen auf eine mögliche Vision für die Lernoptionen bzw. die Bildung im Jahr 2030 wird es nun Zeit, meine Erwartungen an jetzige und zukünftige Lernbegleiter festzuhalten und einen Ausblick auf eine mögliche Zukunft der Lernmedien zu wagen. Denn ich glaube, dass die Lernbegleiter eine entscheidende Funktion innerhalb eines jeden Bildungssystems einnehmen.


Illustration: AI Dozent und andere digitale Medien in den Medienwolken von Mia im Jahr 2030
AI Dozent und andere "Neue" Medien in den Medienwolken von Mia 2030

Eine neue Definition von Lernbegleitern
Mit Lernbegleitern meine ich übrigens nicht nur “professionell geschulte Personen”, wie Lehrer, auf die dieser Begriff häufig Anwendung findet. Ich erweitere diese Gruppe sehr bewusst. Auf alle jungen oder älteren Menschen, die mit ihren Erfahrungen dabei helfen können, anderen lernbereiten Menschen (jung oder alt) bei der Entschlüsselung der Komplexität unserer Welt zu helfen und sie dabei unterstützen, positive Werte und Fähigkeiten zu entwickeln. Dabei muss die Person nicht zwingend eine professionelle Ausbildung als Lehrer absolviert haben.

In die Zukunft gedacht, sehe ich neben allen menschlichen Lernbegleitern auch alle nicht humanoiden, artifiziellen Unterstützer als Teil der Gesamtgruppe von Lernbegleitern. Dies können dann e-Tutoren oder e-Coaches auf Grundlage von AI (Artificial Intelligence) sein (siehe unten).

Da ich behaupte, dass Lehrer, Eltern, Großeltern, alle sonstigen Verwandten und Freunde nichts anderes sind, als (oft) hilfreiche, sehr individuelle Medien, die bei der positiven Entwicklung von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen helfen können, kann ich diese Gruppe der Lernbegleiter also problemlos durch andere Medien erweitern. Womit ich die Verantwortung für die Entwicklung von Menschen quasi in die Verantwortung von allen lege, die Inhalte unterschiedlichster Art bereitstellen, sich in Lernprozesse einmischen und optimaler Weise an einer positiven Zukunft für die Menschheit interessiert sind.

Ist das zu einfach gedacht? Ich glaube nicht.

Meine Wunschliste für eine zukünftige Lernunterstützung
Ich wünsche mir eine Zukunft, in der das derzeit etablierte Bildungssystem vollständig überprüft und umgewandelt wird – transformiert in ein System, das positive Entwicklungen für alle Menschen begünstigt. Ein neuartiges System, in dem keinem einzelnen Lehrer mehr Entscheidungen über die Vermittlung von bestimmten Fähigkeiten zum Zeitpunkt X in die Verantwortung übergeben werden, sondern einem verbundenen Netzwerk an Lernbegleitern, die individuell unterstützen können.

Ich wünsche mir eine Bildung, die bei der natürlichen Neugier der Kinder ansetzt und diese begünstigt, statt sie zu begrenzen. Eine Bildung, bei der Kinder, Jugendliche und begleitende Erwachsene gemeinsam die Lern- und Experimentierwerkzeuge für die Weiterentwicklung definieren, erstellen und nutzen.

Ich wünsche mir ein neuartiges System, in dem ein Mensch individuell gefördert wird, angepasst an die individuelle Geschwindigkeit, die Ausprägung von Talenten und an individuelle Entwicklungswünsche. Ein ganzheitliches System, das dabei ebenso die individuellen Stimmungen, die günstigen und ungünstigen Lernsituationen berücksichtigt.

Ich wünsche mir ein System, in dem Kindern und Jugendlichen Zeit gegeben wird, Ihre persönlichen Fähigkeiten zu finden und diese zu entwickeln.

Dieses System kann aber nicht von Menschen allein geleitet oder begleitet werden. Es benötigt eine höhere, deutlich intelligentere, empathischere Einheit – oder besser gesagt: ein sich weiter entwickelndes Gebilde, welches verschiedene (manchmal gegensätzliche) Ansatzpunkte berücksichtigen kann und nicht immer wieder bei Null starten muss sobald ein Akteur mit seinem Wissen, seinen Fähigkeiten und seinen Erfahrungen ausscheidet. Es sollte ein lernendes System sein, das als Unterstützer und Förderer agiert, ohne die Einschränkungen durch egoistische Absichten Einzelner (die wir Menschen nunmal als Individuen entwickelt haben und selbst über Jahrtausende der zivilisatorischen Entwicklung nicht ablegen können). Es müsste ein offenes System sein, in dem die positive Entwicklung der Menschen ganz deutlich über die wirtschaftlichen Interessen einzelner Personen oder von Interessengruppen gestellt wird.

Ein solches System müsste weiterhin als gesellschaftlicher Auftrag von der Gemeinschaft der Bürger eines Landes getragen werden. Letztendlich könnten aber alle Bürger von einem solchen System profitieren, da es nicht nur bestimmten Personen- oder Altersgruppen (Kinder, Jugendliche, junge Erwachsene, Auszubildende, Studierende, Lehrende etc.) vorbehalten wäre.

Auf dem Weg zu neuen Optionen
Ich glaube, das perfekte Lern- und Coachingsystem für die Zukunft der lebenslangen "Bildung" oder besser formuliert "Entwicklung" ist eine Kombination aus artifiziell intelligentem (Computer)System gepaart mit weltweiten, global und interdisziplinär denkenden und agierenden Gruppen aus menschlichen Lernförderern mit unterschiedlichen Fach-Qualifikationen und mit unterschiedlichen Lebenserfahrungen.

Dies umzusetzen ist keine leichte Aufgabe, aber wir sind genau genommen schon mittendrin in dieser Entwicklung. Viele der notwendigen “Zutaten” für ein neues Bildungssystem sind schon ausgebildet vorhanden, einige stecken noch in den sprichwörtlichen Kinderschuhen. Die Struktur des Systems muss aber grundsätzlich neu aufgesetzt werden und dabei müssen die Rollen der Akteure neu definiert werden.

Wir sollten neue Prozesse und Werkzeuge definieren, die flexibel und anpassungsfähig genug sind um die Entwicklung von Fähigkeiten zu begünstigen. Es sollten Verantwortlichkeiten neu verteilt werden, wobei die Anpassungsfähigkeit des Menschen genutzt werden kann. Eine Fähigkeit die unsere Spezies schon über tausende von Jahren als Teil ihrer evolutionären Weiterentwicklung bewiesen hat.
Grundsätzlich sollten wir uns in diesem Zusammenhang eine Frage stellen: Wenn wir nicht diejenigen sind, die unsere Zukunft gestalten, wer ist es dann?
Selbst etablierte, schwerfällige Bildungsapparate werden diese Entwicklung nicht aufhalten. Einige dieser Gebilde werden selbstständig, aktiv an dieser Veränderung teilhaben. Andere werden sich vermutlich gezwungener Weise transformieren oder an Relevanz verlieren. Jeder Einzelne, der diese Veränderung vorantreibt indem er entsprechend agiert und neuartige Optionen nutzt, wird Teil der Transformation sein.

Die Entwicklung von Fähigkeiten fördern und Werte vermitteln
Die Verantwortung für die Entwicklung von lebensfähigen und mit guten Perspektiven ausgestatteten jungen Menschen ist definitiv nicht nur ein Thema für staatliche, offizielle und professionelle Organe. Es ist ein Thema, das uns alle betrifft und in das wir alle eingebunden sind. Egal, ob wir uns dessen bewusst sind, ob wir das so wollen oder nicht. Jeder Mensch ist mit seinen Äußerung und Handlungen letztendlich auch ein Medium – ein Bildungsmedium, ein Entwicklungsmedium, ein Vorbild.

Als erste schwere Übung werden wir uns vom Begriff der Allgemeinbildung im Sinne eines etablierten Bildungskanons lösen müssen. Bestimmtes Wissen als relevant zu bezeichnen und anderes Wissen als weniger relevant, ist eine Aufgabe, die vermutlich kein Individuum, auch keine Gruppe von Menschen wirklich bewältigen kann. Dafür ist das (permanent wachsende) Weltwissen mittlerweile zu umfangreich, zu stark ausdifferenziert und zudem regional unterschiedlich relevant – und ungünstiger Weise in vielen Bereichen diskussionswürdig oder nur mäßig bestimmt. Stattdessen müssen wir die Entwicklung von Fähigkeiten begünstigen, die ein selbstständiges Erarbeiten von individuell relevantem Wissen ermöglicht. Das soll nicht bedeuten, dass keine Grundlagen aus verschiedenen Themenbereichen vermittelt werden sollten. Es sollten aber Grundlagen bleiben, die individuell entwickelt werden können.

Ob die spezielle Kenntnis vom Inhalt und den Interpretationsmöglichkeiten von Goethes “Faust” weltweit relevant ist, kann ebenso vortrefflich diskutiert werden, wie die Notwendigkeit des Erlernens von höherer Mathematik oder von Molekularbiologie.

Für wirklich wichtig halte ich heutzutage die Unterstützung der Ausbildung von grundlegenden "Fähigkeiten" wie:
  • Lesen und Schreiben (bzw. deuten und verwenden von Zeichen)
  • Rechnen (Arithmetik)
  • Kommunikationskompetenz
  • Medienkompetenz (mit deutlicher Abgrenzung zu Technikkompetenz)
  • Diskussion und Interpretation historischer Ereignisse
  • Diskussion und Interpretation wissenschaftlicher Erkenntnisse
  • Weiterentwicklung von Ideen
  • Selbstständiges Lernen
  • Teamwork
  • Problemlösungskompetenz
  • Empathie
  • Kritikfähigkeit
  • Selbstbewusstsein und -reflexion
  • Bewusstes Handeln
  • Objektivität
und insbesondere von "Werten" wie sie in der "Erklärung der Menschenpflichten" bzw. "A Universal Declaration of Human Responsibilities" zusammengefasst sind:
  • Verantwortungsbewusstsein
  • Achtung vor dem Leben
  • Gerechtigkeit
  • Solidarität
  • Fairness
  • Wahrhaftigkeit
  • Toleranz
  • Meinungsfreiheit
  • Gegenseitige Achtung
  • Wertschätzung
Aktuelle Entwicklungen mit viel Potential
Wir werden in Zukunft zunehmend offene MOOCs (Massive Open Online Course) zur Verfügung haben. Mit diesen Hilfsmitteln könnten sich beispielsweise junge, thematisch interessierte und engagierte Schülerin und Schüler, aber auch Erwachsene jeden Alters, universitär fortbilden. Wir werden intensive Interessen- und Lernfreundschaften über Altersklassen und Generationen hinweg finden. Wir können über OER (Open Educational Resources) einen Austausch von Lernmitteln auf internationaler Ebene kultivieren. Wir werden als junge oder ältere Menschen in Barcamps und in offenen Werkstätten jeglicher Art Fähigkeiten weiter entwickeln und uns über Meetups mit ähnlich interessierten, uns noch unbekannten Menschen in virtuellen oder real existierenden Räumen austauschen können. Wir werden neuartige Entwicklungen von kooperativem Arbeiten entdecken und neue Lern- und Arbeitsräume entstehen lassen.

Es wird vermehrt entscheidende Personen in Unternehmen geben, die Potentiale in Menschen sehen und fördern, unabhängig von einem linearen Lebenslauf oder sehr gutem Notendurchschnitt. Diese werden in Unternehmen oder Institutionen sitzen, denen thematisch begeisterte und in der Projektarbeit erprobte Mitarbeiter wichtig sind. Viele der Berufe, für die sich Schüler von heute in ein paar Jahren bewerben werden, existieren heute noch nicht. Sie werden erst entstehen und von Menschen ausgefüllt, die gelernt haben, Neues entstehen zu lassen und mit sinnvollen Tätigkeiten zu füllen.

Viele dieser Bewegungen sind in den vergangenen Jahren entstanden und werden weitere Ausprägungen erhalten. Sie werden das Bildungssystem, wie wir es heute noch überwiegend erleben, aus den Angeln heben und es nachhaltig verändern.

Die Veränderungen werden vermutlich harte Auswirkungen für diejenigen haben, die sich bequem und entwicklungshemmend in dem bisherigen System breit gemacht haben und versuchen ihre Bereiche vor Eindringlingen und vor einer Welle der Demokratisierung zu schützen – aber bei einer globalen Bewegung werden sie sich nicht vor der Veränderung schützen können.

Für alle, die eine Chance für eine positive Zukunft in diesen Veränderungen sehen, wird es eine Zeit geben, in der ihre Talente und ihr Engagement zu (hoffentlich) positiven Einflüssen führen wird. Sie werden Durchhaltevermögen beweisen müssen, aber das ist das Los der Avantgarde, der kreativen Spinner, der Vordenker, der Querdenker, derjenigen, die von einer besseren Zukunft träumen und dafür eintreten. Sie werden diejenigen sein, die Veränderungen bewirken. Sie werden die Welt verändern (frei nach Steve Jobs).

Seien wir also alle positive Lernbegleiter und Förderer von Potentialentfaltung, mit allen modernen, technischen Hilfsmitteln und Vernetzungen, die uns dafür zur Verfügung stehen. Dann wird das Bildungssystem im Jahr 2030, im Vergleich zum Jahr 2015 ein grundsätzlich besseres sein.

Eine Vision für Lernbegleitung in der Zukunft im Jahr 2030
“We always overestimate the change that will occur in the next two years and underestimate the change that will occur in the next ten. Don't let yourself be lulled into inaction.” William „Bill“ Henry Gates III (*1955)
Zum Abschluss und als Ausblick mache ich noch einen gewagten Schritt nach vorne und ergänze die aktuellen und zeitnahen Bewegungen im Bildungssektor mit drei Entwicklungen aus naheliegenden Disziplinen:
  • Semantische Netzwerke (z.B. sinnvolle Verknüpfung von Inhalten)
  • Kybernetik (z.B. biotechnologische Sensorik)
  • Gehirnforschung (z.B. Computer basierte Simulation des menschlichen Gehirns)
Diese drei Bereiche kombiniere ich nun und wende sie auf eine mögliche technologische Entwicklung in den kommenden 15 Jahren in Bezug auf Lernbegleitung an. Dabei kann das folgende skizzierte Szenario entstehen:
Wenn es in den kommenden Jahren möglich sein sollte, dass Lernprozesse mit Hilfe von sensorisch angereicherten, semantisch verknüpften Computersystemen begleitet, analysiert und individuell gefördert werden können, sind die Lernbegleiter der Zukunft insbesondere künstlich intelligente Werkzeuge. Werkzeuge, die in vielfältigen Ausprägungen individuelle Lernimpulse geben können und über entsprechende Sensoren erfassen können, ob sich der Lernende gerade in einer günstigen Lernsituation befindet und ob er neue Information verarbeitet, Verknüpfungen schafft und kreativ aktiv ist oder nicht. Diese Systeme werden möglicherweise sogar in der Lage sein, passende Methoden und Übungen zu entwickeln, die dem jeweiligen Individuum beim Erlernen von neuen Fähigkeiten helfen. Diese Werkzeuge werden hochkomplexe, individualisierte Systeme sein, mit einem Potential, welches wir uns heute nicht annähernd vorstellen können.

Die Aufgaben der menschlichen Lernbegleiter werden sich noch stärker weg von der Wissensvermittlung in Richtung Entwicklungsbegleitung und menschliche Wertevermittlung bewegen. Sie werden insbesondere Bezugs- und Entwicklungspartner für die Lernenden sein.

Es wird neue virtuelle und reale Lernräume geben, die mit heutigen Klassenzimmern, Vorlesungssälen oder Seminarräumen nur noch sehr wenig gemeinsam haben.

Eventuell wird es in Zukunft nicht nur ein quasi-standardisiertes Bildungssystem geben, sondern eine große Vielfalt von alternativen Bildungsmöglichkeiten, die individuell nutzbar sind.


Eine detailliertere Beschreibung der Optionen und Herausforderungen, die sich aus der Bereitstellung solcher Werkzeuge ableiten lassen, überlasse ich einem zukünftigen Blogpost. Hier lässt sich aber vorzüglich die Diskussion über die Demokratisierungsoptionen und die Herausforderungen der Infrastruktur Internet und der darauf basierenden Dienste erweitern.
“The best way to predict the future is to invent it.” Alan Curtis Kay (*1940), Informatiker

Links zum Thema:
Online-Kurs “Meine Schule transformieren – Ein Reiseführer”
Massachusetts Institute of Technology (english)