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Mittwoch, Januar 01, 2020

2020 Zukunftshypothesen im Realitätscheck

Willkommen in der Zukunft!


Vor zehn Jahren war 2020 noch genau das für mich: die Zukunft.
Mit den 2008 gestarteten Kommunikation 20/20 Projekten wollte ich möglichen zukünftigen Medienrealitäten näher kommen und die multimedialen Entwicklungen weiterdenken, die insbesondere durch die weltweite Digitalisierung und Vernetzung in den 1980er, 1990er und 2000er Jahren Schritt für Schritt und Jahr für Jahr stärker in unser aller Leben Einzug gehalten haben.

Mein persönlicher Ansatz dabei war es, Menschen dabei zu helfen, Veränderungen, die durch neue Technologien entstehen (können), sichtbar und bewusst zu machen. Das Ziel der ersten Projekte lag insbesondere darin, eine Diskussionsbasis zu schaffen, die in Gesprächen über sowohl vergangene wie auch mögliche zukünftige Entwicklungen genutzt werden kann. Daher habe ich damals mit einem kleinen Team aus befreundeten Medienexperten und neugierigen Unterstützern die Medienwolken Grafiken 1960 – 2010 erarbeitet und anschließend ein hypothetisches Zukunftsszenario für das Jahr 2020 entwickelt. Das gesteckte Ziel wurde definitiv erreicht, weil das Material seit der Veröffentlichung national und international in Schulen, Universitäten und sogar großen Unternehmen zum Einsatz gekommen ist und dort u.a. die Diskussionen über den „digitalen Wandel“ unterstützt hat.

Nun sind wir in der damaligen Zukunft angekommen und es ist an der Zeit, die aufgestellten Hypothesen zu überprüfen. Die Frage ist: Welche Technologien, Medienträger oder Werkzeuge sind in diesem Jahr tatsächlich verfügbar und wie hat sich die Nutzung von Kommunikationsmedien, Recherche- und Kreativwerkzeugen oder Entertainmentangeboten seit 2010 verändert? Obwohl ich die Hypothesen 2013 nochmal etwas überarbeitet habe, sind viele der ursprünglichen Annahmen aus dem Jahr 2010 erhalten geblieben und sowohl visuell wie auch schriftlich hier im Blog festgehalten.

Jeder Leser dieses Blogs oder Nutzer der bisher veröffentlichen Arbeitsmaterialien kann sich selbst ein Bild davon machen, ob die damalige „Vision 2020“ mit unserem 20-jährigen, studentischen Protagonisten Lukas völlig absurde Zukunftsspinnerei war oder nahe an der heutigen Realität.

Dabei möchte ich es aber nicht belassen. Dieses Jahr möchte ich einige der Entwicklungen der vergangenen zehn Jahre retrospektiv betrachten und dabei auch die Hypothesen für 2020 überprüfen. Hat sich die digitale Infrastruktur verändert und haben wir eine neue Bezeichnung dafür? Ist Videotelefonie eine etablierte Kommunikationsform? Gibt es mittlerweile tatsächlich finanzierbare Datenbrillen, mit denen ich auf besondere Weise digitale Inhalte anzeigen und in virtuelle Welten eintauchen kann? Nutzt ein zwanzigjähriger Student tatsächlich Austausch- und Lernplattformen im Internet? Können wir wirklich auf nahezu jedem verfügbaren Display unsere personalisierten News ausgeben lassen? Ist der Wunsch nach mehr Medienkompetenz in Schulen, Hochschulen oder am Arbeitsplatz wirklich noch ein Grund zur Diskussion oder sind wir mittlerweile alle gut gebildete Medienexperten?

Diese Fragen und viele weitere möchte ich dieses Jahr betrachten und hoffe damit die Diskussionen zu den Veränderungen in unseren Gesellschaften auch weiterhin befruchten zu können. Vielleicht entwickelt sich aus den Analysen der bisherigen Hypothesen und den Beantwortungen der o. g. Fragen auch ein klareres Bild für neue Hypothesen einer möglichen Zukunft im Jahr 2030 – um mal bei den Sprüngen von zehn Jahren zu bleiben.

Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern des Kommunikation 20/20 Blogs einen guten Start in die 2020er Jahre.


Vergleichsgrafik Medienrealität 2010 vs. Vision 2020 (Stand 2013)
Medienrealität 2010 vs Vision 2020 (Stand 2013) + Medienwolken Legende 

Freitag, Januar 13, 2017

Beschleunigung durch Digitalisierung?

Für viele Menschen ist die Geschwindigkeit der Transformation durch die "Digitalisierung" vieler Lebensbereiche schwer einschätzbar.

In den vergangenen Monaten konnte ich viele Gespräche zu den Themen "neue Medientechnologien" und "Anforderungen der Digitalen Transformation" führen. Sowohl bei privaten Diskussionen, bei Entwicklungsgesprächen mit Geschäftspartnern oder bei Sessions auf Barcamps oder ähnlichen Veranstaltungen, die ich besucht habe, waren diese Themen quasi omnipräsent.

Es gibt sehr viele verschiedene Positionen zu diesen überwiegend "digitalen" Themen, jedoch ist in allen Gesprächen immer wieder die Frage nach der Dauer bis zu einem relevanten Umbruch der Nutzergewohnheiten oder der Erreichung eine relevanten Nutzerzahl aufgetaucht.

Ich vertrete die These, dass digitale Medien bzw. digitale Technologien, eine Beschleunigung der Transformation bei Nutzungsgewohnheiten ermöglichen und somit auch eine schnellere Adaption von Innovationen (insbesondere wenn diese auf etablierten "Träger"-Technologien basieren). Dadurch können sich neuartige Technologien schneller etablieren, als noch vor einigen Jahrzehnten. Wenn die These stimmt, könnten sich auch Technologien wie die 2016 viel diskutierten Virtual Reality Brillen oder die künstlichen Intelligenzen wie Alexa von Amazon oder IBM Watson viel schneller in unseren Haushalten, Unternehmen oder Gesellschaften durchsetzen, als viele Menschen glauben wollen.

Das Statistik-Portal Statista hat eine plakative Infografik erstellt, die dieses Thema illustrieren hilft. Demnach hat sich die Zahl der Jahre bis zur Erreichung einer Nutzerschaft von 100 Millionen Nutzern seit Etablierung digitaler Technologien in den 80er/90er Jahren deutlich verringert. Während die Etablierung des Telefons (bis zur 100 Millionen Nutzer Marke) noch 75 Jahre benötigt hat, konnte das World Wide Web schon nach sieben Jahren diese Schwelle überschreiten. Digitale Services wie Whatsapp oder Instagram hatten die 100 Millionen Nutzer Grenze schon nach etwas mehr als zwei Jahren überschritten.

Dabei muss jedoch berücksichtigt werden, dass die neuen Technologien oder Medien jeweils auf Basis der zuvor etablierten Technologien oder Medien existieren. Kein Instagram ohne World Wide Web, kein World Wide Web ohne Telefoninfrastruktur.

Eine Beschleunigung durch zunehmende Digitalisierung kann über diese Infografik sichtbar werden.

Infografik: Digital ist schneller | Statista Mehr Infografiken finden Sie bei Statista />



Sonntag, Februar 07, 2016

Skills Camp Session – Thesen zur Vision 2030

Einige unserer Thesen zur "Vision 2030" wurden am vergangenen Samstag (06.02.) in einer Session beim Skills Camp der Hamburger Kreativ Gesellschaft im Betahaus Hamburg diskutiert.

Das Thema der Session war: IBM Watson 2030 – Welche Auswirkungen könnten "Kognitive Computersysteme" auf Jobs in der Kreativbranche haben? Sparringpartner oder Jobkiller? Könnte sich die Technologie von IBM Watson auch zum "Virtuellen Privatassistenten" entwickeln, der im Medienwolken Szenario zur Kommunikation 2030 Erwähnung findet? 

Thesenfolie/Grafik zum Thema "IBM Watson 2030" – Kreative Marketing Experten und Kognitive Computersysteme – Entwicklungspotential und Konsequenzen
Thesenfolie/Grafik zum Thema "IBM Watson 2030"

Wir konnten in den verfügbaren 45 min. nur Ansätze besprechen und einen Einstieg ins Thema schaffen. Interessant und wertvoll war der Austausch dennoch. Die Sessionteilnehmer aus verschiedenen Bereichen der Kreativbranche waren sich einig, dass solche Themen und Thesen vielfach und mit mehr Zeit ausgestattet diskutiert werden sollten. Ein Teilnehmer der Session forderte entsprechende Debatten über die "Vision 2030" insbesondere in Berufsverbänden. 

Diese Forderung unterstütze ich zu 100%. Betroffen sind bei den anstehenden Veränderungen nicht nur Marketing Experten (wie in unserem Beispiel präsentiert), sondern nahezu jede Fachkraft, die sich bisher insbesondere auf die persönliche Erfahrung berufen und auf das (irgendwann einmal) gelernte Fachwissen gestützt hat. Kognitive computerbasierte "Unterstützungssysteme" könnten in Zukunft den bisherigen persönlichen, menschlichen Vorteil bei kreativen Herausforderungen relativieren ... insbesondere in Bezug auf die heutzutage allseits beliebte Effizienz, aber auch in Bezug auf die Qualität und weitere wichtige Kriterien.

Samstag, November 21, 2015

Barcamp Hamburg: Kleine Retrospektive

Bildhafte Zusammenfassung meiner Barcamp Hamburg Session vom 14.11.2015
Das Barcamp Hamburg 2015 ist nun schon vor genau einer Woche viel zu schnell zu Ende gegangen. An den zwei Tagen Barcamp konnte ich viele neue Impulse mitnehmen, über die unterschiedlichsten Themen einen überwiegend konstruktiven Meinungsaustausch pflegen und hoffentlich selbst ein paar hilfreiche Impulse erzeugen.

Themenvielfalt
Von Diskussionen über die Inhalte, die der aktuellen Virtual Reality Technologie zum Durchbruch verhelfen könnten, über einen Vortrag über Ansätze des Fachbereichs "Positive Psychologie" oder Praxistipps für schöneres Schreiben auf Flipcharts, bis zum Meinungsaustausch über eine mögliche gesellschaftliche und technologische Realität im Jahr 2040 waren die unterschiedlichsten Themen auf dem diesjährigen Barcamp Hamburg vertreten. Es gab viel mehr interessante Sessions, als ich persönlich besuchen konnte. Ich hatte den Eindruck, dass nahezu jeder Teilnehmer an genau dieser offenen Vielfalt interessiert war und dadurch extrem viele wertvolle Gespräche und Gedanken entstehen konnten.

Perspektivwechsel als Thema
Bei meiner Session zum Thema "Perspektivwechsel" habe ich als ein Beispiel für den gezielten Aufbau von Stellvertretern, die einen Perspektivwechsel der betrachtenden Personen ermöglichen, das Medienwolken Kategoriensystem vorgestellt. Damit wollte ich demonstrieren, wie man mit einem System, das als Ausgangspunkt immer eine individuelle Person nutzt (die persönlich oder im Team erarbeitet wird), einige neue Sichtweisen auf abstrakte Themen oder Zusammenhänge ermöglichen kann. In meinem Fall waren die individuelle Mediennutzung und die Veränderungen in den Medienrealitäten über Jahrzehnte hinweg die Themen.

Zugegebener Weise war die Präsentation und Diskussion in diesem Fall eine Herausforderung für mich – bei einem Zeitlimit von knapp 30 min. Projektvorstellung und nur 15 min. Diskussionszeit. Leider war durch diese Limitierung keine Zeit für die Teilnehmer der Session auch ihre eigenen aktuellen oder zurückliegenden Medienwolken mit mir gemeinsam zu erstellen – was sicherlich den Nutzen des Systems noch besser veranschaulicht hätte.

Aber der Versuch war trotzdem ein Erfahrungsgewinn. Bisher hatte ich für ähnlich Veranstaltungen immer ca. 2 Stunden zur Verfügung. Diese Zeit scheint die Bearbeitung des Themas mit mehreren Personen auch zu benötigen. Dies ist ja auch eine nutzbare Erkenntnis.

Erfahrungsgewinn
Die zwei Tage auf dem Barcamp Hamburg wären für mich aber auch ohne eigene Session ein Gewinn gewesen. Auf einem so großen Barcamp (ca. 400 Teilnehmer) war ich zuvor noch nicht und die Themenvielfalt (mehr als 100 Sessions) war enorm. Es war absolut lohnenswert, sich den darin liegenden Herausforderungen zu stellen.

Donnerstag, März 05, 2015

Lernen 2030 - Eine neuartige Lernbegleitung?

Ein Weg zur Vision für 2030 - Bildung in der Zukunft

In der letzten Woche hatte ich ein Wechselbad der Eindrücke zwischen Social Media Week (Hamburg) und Didacta (Hannover) von dem ich noch etwas irritiert bin, insbesondere aufgrund der zum Teil sehr unterschiedlichen Eindrücke. Vielleicht wird man diese leichte Konfusion auch in dem folgenden Artikel wiederfinden. Mir ging es in der vergangenen Woche insbesondere darum, Veränderungstendenzen in Bezug auf die Optimierung der Lernbegleitung und der Nutzung moderner Medien aufzuspüren. Dies ist mir zum Teil gelungen. Die wichtigste Beobachtung für mich war, dass scheinbar kein Akteur im Bildungssystem wirklich zufrieden mit dem aktuellen Zustand zu sein scheint und viele nach neuen Lösungen und Ansätzen suchen.

Nach meinen vorausgegangenen Ankündigungen auf eine mögliche Vision für die Lernoptionen bzw. die Bildung im Jahr 2030 wird es nun Zeit, meine Erwartungen an jetzige und zukünftige Lernbegleiter festzuhalten und einen Ausblick auf eine mögliche Zukunft der Lernmedien zu wagen. Denn ich glaube, dass die Lernbegleiter eine entscheidende Funktion innerhalb eines jeden Bildungssystems einnehmen.


Illustration: AI Dozent und andere digitale Medien in den Medienwolken von Mia im Jahr 2030
AI Dozent und andere "Neue" Medien in den Medienwolken von Mia 2030

Eine neue Definition von Lernbegleitern
Mit Lernbegleitern meine ich übrigens nicht nur “professionell geschulte Personen”, wie Lehrer, auf die dieser Begriff häufig Anwendung findet. Ich erweitere diese Gruppe sehr bewusst. Auf alle jungen oder älteren Menschen, die mit ihren Erfahrungen dabei helfen können, anderen lernbereiten Menschen (jung oder alt) bei der Entschlüsselung der Komplexität unserer Welt zu helfen und sie dabei unterstützen, positive Werte und Fähigkeiten zu entwickeln. Dabei muss die Person nicht zwingend eine professionelle Ausbildung als Lehrer absolviert haben.

In die Zukunft gedacht, sehe ich neben allen menschlichen Lernbegleitern auch alle nicht humanoiden, artifiziellen Unterstützer als Teil der Gesamtgruppe von Lernbegleitern. Dies können dann e-Tutoren oder e-Coaches auf Grundlage von AI (Artificial Intelligence) sein (siehe unten).

Da ich behaupte, dass Lehrer, Eltern, Großeltern, alle sonstigen Verwandten und Freunde nichts anderes sind, als (oft) hilfreiche, sehr individuelle Medien, die bei der positiven Entwicklung von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen helfen können, kann ich diese Gruppe der Lernbegleiter also problemlos durch andere Medien erweitern. Womit ich die Verantwortung für die Entwicklung von Menschen quasi in die Verantwortung von allen lege, die Inhalte unterschiedlichster Art bereitstellen, sich in Lernprozesse einmischen und optimaler Weise an einer positiven Zukunft für die Menschheit interessiert sind.

Ist das zu einfach gedacht? Ich glaube nicht.

Meine Wunschliste für eine zukünftige Lernunterstützung
Ich wünsche mir eine Zukunft, in der das derzeit etablierte Bildungssystem vollständig überprüft und umgewandelt wird – transformiert in ein System, das positive Entwicklungen für alle Menschen begünstigt. Ein neuartiges System, in dem keinem einzelnen Lehrer mehr Entscheidungen über die Vermittlung von bestimmten Fähigkeiten zum Zeitpunkt X in die Verantwortung übergeben werden, sondern einem verbundenen Netzwerk an Lernbegleitern, die individuell unterstützen können.

Ich wünsche mir eine Bildung, die bei der natürlichen Neugier der Kinder ansetzt und diese begünstigt, statt sie zu begrenzen. Eine Bildung, bei der Kinder, Jugendliche und begleitende Erwachsene gemeinsam die Lern- und Experimentierwerkzeuge für die Weiterentwicklung definieren, erstellen und nutzen.

Ich wünsche mir ein neuartiges System, in dem ein Mensch individuell gefördert wird, angepasst an die individuelle Geschwindigkeit, die Ausprägung von Talenten und an individuelle Entwicklungswünsche. Ein ganzheitliches System, das dabei ebenso die individuellen Stimmungen, die günstigen und ungünstigen Lernsituationen berücksichtigt.

Ich wünsche mir ein System, in dem Kindern und Jugendlichen Zeit gegeben wird, Ihre persönlichen Fähigkeiten zu finden und diese zu entwickeln.

Dieses System kann aber nicht von Menschen allein geleitet oder begleitet werden. Es benötigt eine höhere, deutlich intelligentere, empathischere Einheit – oder besser gesagt: ein sich weiter entwickelndes Gebilde, welches verschiedene (manchmal gegensätzliche) Ansatzpunkte berücksichtigen kann und nicht immer wieder bei Null starten muss sobald ein Akteur mit seinem Wissen, seinen Fähigkeiten und seinen Erfahrungen ausscheidet. Es sollte ein lernendes System sein, das als Unterstützer und Förderer agiert, ohne die Einschränkungen durch egoistische Absichten Einzelner (die wir Menschen nunmal als Individuen entwickelt haben und selbst über Jahrtausende der zivilisatorischen Entwicklung nicht ablegen können). Es müsste ein offenes System sein, in dem die positive Entwicklung der Menschen ganz deutlich über die wirtschaftlichen Interessen einzelner Personen oder von Interessengruppen gestellt wird.

Ein solches System müsste weiterhin als gesellschaftlicher Auftrag von der Gemeinschaft der Bürger eines Landes getragen werden. Letztendlich könnten aber alle Bürger von einem solchen System profitieren, da es nicht nur bestimmten Personen- oder Altersgruppen (Kinder, Jugendliche, junge Erwachsene, Auszubildende, Studierende, Lehrende etc.) vorbehalten wäre.

Auf dem Weg zu neuen Optionen
Ich glaube, das perfekte Lern- und Coachingsystem für die Zukunft der lebenslangen "Bildung" oder besser formuliert "Entwicklung" ist eine Kombination aus artifiziell intelligentem (Computer)System gepaart mit weltweiten, global und interdisziplinär denkenden und agierenden Gruppen aus menschlichen Lernförderern mit unterschiedlichen Fach-Qualifikationen und mit unterschiedlichen Lebenserfahrungen.

Dies umzusetzen ist keine leichte Aufgabe, aber wir sind genau genommen schon mittendrin in dieser Entwicklung. Viele der notwendigen “Zutaten” für ein neues Bildungssystem sind schon ausgebildet vorhanden, einige stecken noch in den sprichwörtlichen Kinderschuhen. Die Struktur des Systems muss aber grundsätzlich neu aufgesetzt werden und dabei müssen die Rollen der Akteure neu definiert werden.

Wir sollten neue Prozesse und Werkzeuge definieren, die flexibel und anpassungsfähig genug sind um die Entwicklung von Fähigkeiten zu begünstigen. Es sollten Verantwortlichkeiten neu verteilt werden, wobei die Anpassungsfähigkeit des Menschen genutzt werden kann. Eine Fähigkeit die unsere Spezies schon über tausende von Jahren als Teil ihrer evolutionären Weiterentwicklung bewiesen hat.
Grundsätzlich sollten wir uns in diesem Zusammenhang eine Frage stellen: Wenn wir nicht diejenigen sind, die unsere Zukunft gestalten, wer ist es dann?
Selbst etablierte, schwerfällige Bildungsapparate werden diese Entwicklung nicht aufhalten. Einige dieser Gebilde werden selbstständig, aktiv an dieser Veränderung teilhaben. Andere werden sich vermutlich gezwungener Weise transformieren oder an Relevanz verlieren. Jeder Einzelne, der diese Veränderung vorantreibt indem er entsprechend agiert und neuartige Optionen nutzt, wird Teil der Transformation sein.

Die Entwicklung von Fähigkeiten fördern und Werte vermitteln
Die Verantwortung für die Entwicklung von lebensfähigen und mit guten Perspektiven ausgestatteten jungen Menschen ist definitiv nicht nur ein Thema für staatliche, offizielle und professionelle Organe. Es ist ein Thema, das uns alle betrifft und in das wir alle eingebunden sind. Egal, ob wir uns dessen bewusst sind, ob wir das so wollen oder nicht. Jeder Mensch ist mit seinen Äußerung und Handlungen letztendlich auch ein Medium – ein Bildungsmedium, ein Entwicklungsmedium, ein Vorbild.

Als erste schwere Übung werden wir uns vom Begriff der Allgemeinbildung im Sinne eines etablierten Bildungskanons lösen müssen. Bestimmtes Wissen als relevant zu bezeichnen und anderes Wissen als weniger relevant, ist eine Aufgabe, die vermutlich kein Individuum, auch keine Gruppe von Menschen wirklich bewältigen kann. Dafür ist das (permanent wachsende) Weltwissen mittlerweile zu umfangreich, zu stark ausdifferenziert und zudem regional unterschiedlich relevant – und ungünstiger Weise in vielen Bereichen diskussionswürdig oder nur mäßig bestimmt. Stattdessen müssen wir die Entwicklung von Fähigkeiten begünstigen, die ein selbstständiges Erarbeiten von individuell relevantem Wissen ermöglicht. Das soll nicht bedeuten, dass keine Grundlagen aus verschiedenen Themenbereichen vermittelt werden sollten. Es sollten aber Grundlagen bleiben, die individuell entwickelt werden können.

Ob die spezielle Kenntnis vom Inhalt und den Interpretationsmöglichkeiten von Goethes “Faust” weltweit relevant ist, kann ebenso vortrefflich diskutiert werden, wie die Notwendigkeit des Erlernens von höherer Mathematik oder von Molekularbiologie.

Für wirklich wichtig halte ich heutzutage die Unterstützung der Ausbildung von grundlegenden "Fähigkeiten" wie:
  • Lesen und Schreiben (bzw. deuten und verwenden von Zeichen)
  • Rechnen (Arithmetik)
  • Kommunikationskompetenz
  • Medienkompetenz (mit deutlicher Abgrenzung zu Technikkompetenz)
  • Diskussion und Interpretation historischer Ereignisse
  • Diskussion und Interpretation wissenschaftlicher Erkenntnisse
  • Weiterentwicklung von Ideen
  • Selbstständiges Lernen
  • Teamwork
  • Problemlösungskompetenz
  • Empathie
  • Kritikfähigkeit
  • Selbstbewusstsein und -reflexion
  • Bewusstes Handeln
  • Objektivität
und insbesondere von "Werten" wie sie in der "Erklärung der Menschenpflichten" bzw. "A Universal Declaration of Human Responsibilities" zusammengefasst sind:
  • Verantwortungsbewusstsein
  • Achtung vor dem Leben
  • Gerechtigkeit
  • Solidarität
  • Fairness
  • Wahrhaftigkeit
  • Toleranz
  • Meinungsfreiheit
  • Gegenseitige Achtung
  • Wertschätzung
Aktuelle Entwicklungen mit viel Potential
Wir werden in Zukunft zunehmend offene MOOCs (Massive Open Online Course) zur Verfügung haben. Mit diesen Hilfsmitteln könnten sich beispielsweise junge, thematisch interessierte und engagierte Schülerin und Schüler, aber auch Erwachsene jeden Alters, universitär fortbilden. Wir werden intensive Interessen- und Lernfreundschaften über Altersklassen und Generationen hinweg finden. Wir können über OER (Open Educational Resources) einen Austausch von Lernmitteln auf internationaler Ebene kultivieren. Wir werden als junge oder ältere Menschen in Barcamps und in offenen Werkstätten jeglicher Art Fähigkeiten weiter entwickeln und uns über Meetups mit ähnlich interessierten, uns noch unbekannten Menschen in virtuellen oder real existierenden Räumen austauschen können. Wir werden neuartige Entwicklungen von kooperativem Arbeiten entdecken und neue Lern- und Arbeitsräume entstehen lassen.

Es wird vermehrt entscheidende Personen in Unternehmen geben, die Potentiale in Menschen sehen und fördern, unabhängig von einem linearen Lebenslauf oder sehr gutem Notendurchschnitt. Diese werden in Unternehmen oder Institutionen sitzen, denen thematisch begeisterte und in der Projektarbeit erprobte Mitarbeiter wichtig sind. Viele der Berufe, für die sich Schüler von heute in ein paar Jahren bewerben werden, existieren heute noch nicht. Sie werden erst entstehen und von Menschen ausgefüllt, die gelernt haben, Neues entstehen zu lassen und mit sinnvollen Tätigkeiten zu füllen.

Viele dieser Bewegungen sind in den vergangenen Jahren entstanden und werden weitere Ausprägungen erhalten. Sie werden das Bildungssystem, wie wir es heute noch überwiegend erleben, aus den Angeln heben und es nachhaltig verändern.

Die Veränderungen werden vermutlich harte Auswirkungen für diejenigen haben, die sich bequem und entwicklungshemmend in dem bisherigen System breit gemacht haben und versuchen ihre Bereiche vor Eindringlingen und vor einer Welle der Demokratisierung zu schützen – aber bei einer globalen Bewegung werden sie sich nicht vor der Veränderung schützen können.

Für alle, die eine Chance für eine positive Zukunft in diesen Veränderungen sehen, wird es eine Zeit geben, in der ihre Talente und ihr Engagement zu (hoffentlich) positiven Einflüssen führen wird. Sie werden Durchhaltevermögen beweisen müssen, aber das ist das Los der Avantgarde, der kreativen Spinner, der Vordenker, der Querdenker, derjenigen, die von einer besseren Zukunft träumen und dafür eintreten. Sie werden diejenigen sein, die Veränderungen bewirken. Sie werden die Welt verändern (frei nach Steve Jobs).

Seien wir also alle positive Lernbegleiter und Förderer von Potentialentfaltung, mit allen modernen, technischen Hilfsmitteln und Vernetzungen, die uns dafür zur Verfügung stehen. Dann wird das Bildungssystem im Jahr 2030, im Vergleich zum Jahr 2015 ein grundsätzlich besseres sein.

Eine Vision für Lernbegleitung in der Zukunft im Jahr 2030
“We always overestimate the change that will occur in the next two years and underestimate the change that will occur in the next ten. Don't let yourself be lulled into inaction.” William „Bill“ Henry Gates III (*1955)
Zum Abschluss und als Ausblick mache ich noch einen gewagten Schritt nach vorne und ergänze die aktuellen und zeitnahen Bewegungen im Bildungssektor mit drei Entwicklungen aus naheliegenden Disziplinen:
  • Semantische Netzwerke (z.B. sinnvolle Verknüpfung von Inhalten)
  • Kybernetik (z.B. biotechnologische Sensorik)
  • Gehirnforschung (z.B. Computer basierte Simulation des menschlichen Gehirns)
Diese drei Bereiche kombiniere ich nun und wende sie auf eine mögliche technologische Entwicklung in den kommenden 15 Jahren in Bezug auf Lernbegleitung an. Dabei kann das folgende skizzierte Szenario entstehen:
Wenn es in den kommenden Jahren möglich sein sollte, dass Lernprozesse mit Hilfe von sensorisch angereicherten, semantisch verknüpften Computersystemen begleitet, analysiert und individuell gefördert werden können, sind die Lernbegleiter der Zukunft insbesondere künstlich intelligente Werkzeuge. Werkzeuge, die in vielfältigen Ausprägungen individuelle Lernimpulse geben können und über entsprechende Sensoren erfassen können, ob sich der Lernende gerade in einer günstigen Lernsituation befindet und ob er neue Information verarbeitet, Verknüpfungen schafft und kreativ aktiv ist oder nicht. Diese Systeme werden möglicherweise sogar in der Lage sein, passende Methoden und Übungen zu entwickeln, die dem jeweiligen Individuum beim Erlernen von neuen Fähigkeiten helfen. Diese Werkzeuge werden hochkomplexe, individualisierte Systeme sein, mit einem Potential, welches wir uns heute nicht annähernd vorstellen können.

Die Aufgaben der menschlichen Lernbegleiter werden sich noch stärker weg von der Wissensvermittlung in Richtung Entwicklungsbegleitung und menschliche Wertevermittlung bewegen. Sie werden insbesondere Bezugs- und Entwicklungspartner für die Lernenden sein.

Es wird neue virtuelle und reale Lernräume geben, die mit heutigen Klassenzimmern, Vorlesungssälen oder Seminarräumen nur noch sehr wenig gemeinsam haben.

Eventuell wird es in Zukunft nicht nur ein quasi-standardisiertes Bildungssystem geben, sondern eine große Vielfalt von alternativen Bildungsmöglichkeiten, die individuell nutzbar sind.


Eine detailliertere Beschreibung der Optionen und Herausforderungen, die sich aus der Bereitstellung solcher Werkzeuge ableiten lassen, überlasse ich einem zukünftigen Blogpost. Hier lässt sich aber vorzüglich die Diskussion über die Demokratisierungsoptionen und die Herausforderungen der Infrastruktur Internet und der darauf basierenden Dienste erweitern.
“The best way to predict the future is to invent it.” Alan Curtis Kay (*1940), Informatiker

Links zum Thema:
Online-Kurs “Meine Schule transformieren – Ein Reiseführer”
Massachusetts Institute of Technology (english) 

Montag, Oktober 27, 2014

K2020 Online Vorlesung / Lecture – Hamburg/Moskau

(see english version below graphic)

Leider kann ich noch nicht wirklich viel mehr zu den Bildungsmöglichkeiten im Jahr 2030 schreiben (Anmerkung vom März 2015: mittlerweile gibt es ein paar Ideen dazu). Nun kann unser Team aber definitiv etwas zu einer potenziellen Möglichkeit im Jahr 2020 sagen, die wir persönlich getestet haben.

Wir haben am vergangenen Samstag von Hamburg aus unseren ersten Online-Vorlesungs-Vortrag für eine russische Hochschule (Fachbereich Integrierte Kommunikation) gehalten. Diese Erfahrung war so positiv, dass ich davon ausgehe, dass diese Art der Lehre und des kommunikativen Austauschs mit ziemlicher Sicherheit Teil der Bildungsrealität von Lukas (Vision 2020) sein werden.

Die Einladung von der HSE (Higher School of Economics) in Moskau hat unser Team etwas überrascht. Wir hatten das Glück, dass unsere Ansprechpartnerin mit guten Deutsch-Kenntnissen ausgestattet war und daher bei Recherchen auf unsere Kommunikation 2020 Projekte aufmerksam wurde. Da die Vorlesung jedoch englisch-sprachig sein sollte, standen wir vor der Herausforderung, unsere bisherigen Arbeiten in eine englische Vortragsform zu bringen. Dies haben wir scheinbar hinbekommen und haben nun auch überarbeitetes englisches Vortragsmaterial.

In den letzen Wochen konnten wir also nicht nur für diese Vorlesung eine international nutzbare Vortragsversion schaffen, sondern können nun auch anderen Schulen oder Hochschulen tiefere Einblicke in das "Media Clouds Category System", die "Media Realities 1960 - 2010" und die "Possible Future Vision 2020 + Vision 2030" bieten.

Comparison Chart 2010, 2020, 2030 from the lecture


Last Saturday we gave our very first online lecture from Hamburg to a Russian university (School of Integrated Communication). That was such a positive experience that I think this kind of teaching and communicative exchange could absolutely work as a part of Lukas’ educational reality (see Vision 2020 German version).

Unfortunately I can’t write much more about the educational opportunities in 2030 (additional information: since march 2015, we have some good ideas about a possible future of education) but our team definitely can tell something about a potential opportunity for 2020 that we already tried personally.

The invitation of the HSE (Higher School of Economics) from Moscow really surprised our team. We were lucky with our contact person as she had knowledge of German and found our Communication 2020 projects just reading up. The lecture had to be given in English though, thus we were faced with the challenge of translating our existing works into English. Happily we got it and now we have revised lecture material also in English.

For this lecture we have created not only an international version of the "Media Clouds" which also can be used by other schools and universities but also we can now provide an insight into topics like the “Media Clouds Category System”, the “Media Realities 1960- 2010” and the “Possible Future Vision 2020 + Vision 2030”

The future remains exciting.