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Freitag, April 29, 2016

NGO Blended Learning – Kleine Bildungsrevolution?!

In dem Artikel "Sie ändern alles#", der aktuell in der ZEIT (NR. 19 / 2016) erschienen ist, wird ein interessantes neues Start-Up Projekt im Bereich Bildung beschrieben.

Bei der NGO-Unternehmung Kiron geht es, einfach beschrieben, um einen vereinfachten Zugang zu höherer Bildung durch die Umgehung von klassischen, bürokratischen Barrieren. Das aktuelle Angebot richtet sich speziell an Menschen, die aus ihrer Heimat geflohen sind und mit Hilfe von Kiron die Möglichkeit einer höheren Weiterbildung erhalten sollen. Das angewendete Konzept des "Blended Learning" (einer Kombination aus Online- und Offline-Studium) wird hier für die Vorbereitung eines regulären Studienabschluss angewendet. Dieser Ansatz wäre grundsätzlich auch für alle Bildungsinteressierten weltweit anwendbar.

Da das Lernen über Kiron durch eine Bildungskooperation mit verschiedenen Universitäten ermöglicht wird und die Inhalte von überall auf der Welt per Smartphone und Internet-Verbindung nutzbar sind, kann dieses Projekt für die weltweite Verbreitung neuer Denkansätze in Bezug auf neue Werkzeuge in Bildungssystemen sorgen.

Wenn es möglich wird, dass selbst aus einem Flüchtlingslager in einem fremden Land heraus (also mit ganz geringen Mitteln) ein Schritt zur höheren Bildung ermöglicht wird, dann sollte dies in Zukunft nahezu überall möglich sein. Dies würde dann möglich, wenn wir die mit dieser Art von Demokratisierung verbundenen Veränderungen als Chancen verstehen und nicht als Gefahr.

Die weitere Entwicklung dieser Unternehmung wird für alle Menschen, die sich mit neuen Bildungsoptionen und Veränderungen in unseren modernen Gesellschaftssystemen beschäftigen, spannend sein.

Mehr Infos zu diesem Bildungsprojekt:

Donnerstag, März 05, 2015

Lernen 2030 - Eine neuartige Lernbegleitung?

Ein Weg zur Vision für 2030 - Bildung in der Zukunft

In der letzten Woche hatte ich ein Wechselbad der Eindrücke zwischen Social Media Week (Hamburg) und Didacta (Hannover) von dem ich noch etwas irritiert bin, insbesondere aufgrund der zum Teil sehr unterschiedlichen Eindrücke. Vielleicht wird man diese leichte Konfusion auch in dem folgenden Artikel wiederfinden. Mir ging es in der vergangenen Woche insbesondere darum, Veränderungstendenzen in Bezug auf die Optimierung der Lernbegleitung und der Nutzung moderner Medien aufzuspüren. Dies ist mir zum Teil gelungen. Die wichtigste Beobachtung für mich war, dass scheinbar kein Akteur im Bildungssystem wirklich zufrieden mit dem aktuellen Zustand zu sein scheint und viele nach neuen Lösungen und Ansätzen suchen.

Nach meinen vorausgegangenen Ankündigungen auf eine mögliche Vision für die Lernoptionen bzw. die Bildung im Jahr 2030 wird es nun Zeit, meine Erwartungen an jetzige und zukünftige Lernbegleiter festzuhalten und einen Ausblick auf eine mögliche Zukunft der Lernmedien zu wagen. Denn ich glaube, dass die Lernbegleiter eine entscheidende Funktion innerhalb eines jeden Bildungssystems einnehmen.


Illustration: AI Dozent und andere digitale Medien in den Medienwolken von Mia im Jahr 2030
AI Dozent und andere "Neue" Medien in den Medienwolken von Mia 2030

Eine neue Definition von Lernbegleitern
Mit Lernbegleitern meine ich übrigens nicht nur “professionell geschulte Personen”, wie Lehrer, auf die dieser Begriff häufig Anwendung findet. Ich erweitere diese Gruppe sehr bewusst. Auf alle jungen oder älteren Menschen, die mit ihren Erfahrungen dabei helfen können, anderen lernbereiten Menschen (jung oder alt) bei der Entschlüsselung der Komplexität unserer Welt zu helfen und sie dabei unterstützen, positive Werte und Fähigkeiten zu entwickeln. Dabei muss die Person nicht zwingend eine professionelle Ausbildung als Lehrer absolviert haben.

In die Zukunft gedacht, sehe ich neben allen menschlichen Lernbegleitern auch alle nicht humanoiden, artifiziellen Unterstützer als Teil der Gesamtgruppe von Lernbegleitern. Dies können dann e-Tutoren oder e-Coaches auf Grundlage von AI (Artificial Intelligence) sein (siehe unten).

Da ich behaupte, dass Lehrer, Eltern, Großeltern, alle sonstigen Verwandten und Freunde nichts anderes sind, als (oft) hilfreiche, sehr individuelle Medien, die bei der positiven Entwicklung von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen helfen können, kann ich diese Gruppe der Lernbegleiter also problemlos durch andere Medien erweitern. Womit ich die Verantwortung für die Entwicklung von Menschen quasi in die Verantwortung von allen lege, die Inhalte unterschiedlichster Art bereitstellen, sich in Lernprozesse einmischen und optimaler Weise an einer positiven Zukunft für die Menschheit interessiert sind.

Ist das zu einfach gedacht? Ich glaube nicht.

Meine Wunschliste für eine zukünftige Lernunterstützung
Ich wünsche mir eine Zukunft, in der das derzeit etablierte Bildungssystem vollständig überprüft und umgewandelt wird – transformiert in ein System, das positive Entwicklungen für alle Menschen begünstigt. Ein neuartiges System, in dem keinem einzelnen Lehrer mehr Entscheidungen über die Vermittlung von bestimmten Fähigkeiten zum Zeitpunkt X in die Verantwortung übergeben werden, sondern einem verbundenen Netzwerk an Lernbegleitern, die individuell unterstützen können.

Ich wünsche mir eine Bildung, die bei der natürlichen Neugier der Kinder ansetzt und diese begünstigt, statt sie zu begrenzen. Eine Bildung, bei der Kinder, Jugendliche und begleitende Erwachsene gemeinsam die Lern- und Experimentierwerkzeuge für die Weiterentwicklung definieren, erstellen und nutzen.

Ich wünsche mir ein neuartiges System, in dem ein Mensch individuell gefördert wird, angepasst an die individuelle Geschwindigkeit, die Ausprägung von Talenten und an individuelle Entwicklungswünsche. Ein ganzheitliches System, das dabei ebenso die individuellen Stimmungen, die günstigen und ungünstigen Lernsituationen berücksichtigt.

Ich wünsche mir ein System, in dem Kindern und Jugendlichen Zeit gegeben wird, Ihre persönlichen Fähigkeiten zu finden und diese zu entwickeln.

Dieses System kann aber nicht von Menschen allein geleitet oder begleitet werden. Es benötigt eine höhere, deutlich intelligentere, empathischere Einheit – oder besser gesagt: ein sich weiter entwickelndes Gebilde, welches verschiedene (manchmal gegensätzliche) Ansatzpunkte berücksichtigen kann und nicht immer wieder bei Null starten muss sobald ein Akteur mit seinem Wissen, seinen Fähigkeiten und seinen Erfahrungen ausscheidet. Es sollte ein lernendes System sein, das als Unterstützer und Förderer agiert, ohne die Einschränkungen durch egoistische Absichten Einzelner (die wir Menschen nunmal als Individuen entwickelt haben und selbst über Jahrtausende der zivilisatorischen Entwicklung nicht ablegen können). Es müsste ein offenes System sein, in dem die positive Entwicklung der Menschen ganz deutlich über die wirtschaftlichen Interessen einzelner Personen oder von Interessengruppen gestellt wird.

Ein solches System müsste weiterhin als gesellschaftlicher Auftrag von der Gemeinschaft der Bürger eines Landes getragen werden. Letztendlich könnten aber alle Bürger von einem solchen System profitieren, da es nicht nur bestimmten Personen- oder Altersgruppen (Kinder, Jugendliche, junge Erwachsene, Auszubildende, Studierende, Lehrende etc.) vorbehalten wäre.

Auf dem Weg zu neuen Optionen
Ich glaube, das perfekte Lern- und Coachingsystem für die Zukunft der lebenslangen "Bildung" oder besser formuliert "Entwicklung" ist eine Kombination aus artifiziell intelligentem (Computer)System gepaart mit weltweiten, global und interdisziplinär denkenden und agierenden Gruppen aus menschlichen Lernförderern mit unterschiedlichen Fach-Qualifikationen und mit unterschiedlichen Lebenserfahrungen.

Dies umzusetzen ist keine leichte Aufgabe, aber wir sind genau genommen schon mittendrin in dieser Entwicklung. Viele der notwendigen “Zutaten” für ein neues Bildungssystem sind schon ausgebildet vorhanden, einige stecken noch in den sprichwörtlichen Kinderschuhen. Die Struktur des Systems muss aber grundsätzlich neu aufgesetzt werden und dabei müssen die Rollen der Akteure neu definiert werden.

Wir sollten neue Prozesse und Werkzeuge definieren, die flexibel und anpassungsfähig genug sind um die Entwicklung von Fähigkeiten zu begünstigen. Es sollten Verantwortlichkeiten neu verteilt werden, wobei die Anpassungsfähigkeit des Menschen genutzt werden kann. Eine Fähigkeit die unsere Spezies schon über tausende von Jahren als Teil ihrer evolutionären Weiterentwicklung bewiesen hat.
Grundsätzlich sollten wir uns in diesem Zusammenhang eine Frage stellen: Wenn wir nicht diejenigen sind, die unsere Zukunft gestalten, wer ist es dann?
Selbst etablierte, schwerfällige Bildungsapparate werden diese Entwicklung nicht aufhalten. Einige dieser Gebilde werden selbstständig, aktiv an dieser Veränderung teilhaben. Andere werden sich vermutlich gezwungener Weise transformieren oder an Relevanz verlieren. Jeder Einzelne, der diese Veränderung vorantreibt indem er entsprechend agiert und neuartige Optionen nutzt, wird Teil der Transformation sein.

Die Entwicklung von Fähigkeiten fördern und Werte vermitteln
Die Verantwortung für die Entwicklung von lebensfähigen und mit guten Perspektiven ausgestatteten jungen Menschen ist definitiv nicht nur ein Thema für staatliche, offizielle und professionelle Organe. Es ist ein Thema, das uns alle betrifft und in das wir alle eingebunden sind. Egal, ob wir uns dessen bewusst sind, ob wir das so wollen oder nicht. Jeder Mensch ist mit seinen Äußerung und Handlungen letztendlich auch ein Medium – ein Bildungsmedium, ein Entwicklungsmedium, ein Vorbild.

Als erste schwere Übung werden wir uns vom Begriff der Allgemeinbildung im Sinne eines etablierten Bildungskanons lösen müssen. Bestimmtes Wissen als relevant zu bezeichnen und anderes Wissen als weniger relevant, ist eine Aufgabe, die vermutlich kein Individuum, auch keine Gruppe von Menschen wirklich bewältigen kann. Dafür ist das (permanent wachsende) Weltwissen mittlerweile zu umfangreich, zu stark ausdifferenziert und zudem regional unterschiedlich relevant – und ungünstiger Weise in vielen Bereichen diskussionswürdig oder nur mäßig bestimmt. Stattdessen müssen wir die Entwicklung von Fähigkeiten begünstigen, die ein selbstständiges Erarbeiten von individuell relevantem Wissen ermöglicht. Das soll nicht bedeuten, dass keine Grundlagen aus verschiedenen Themenbereichen vermittelt werden sollten. Es sollten aber Grundlagen bleiben, die individuell entwickelt werden können.

Ob die spezielle Kenntnis vom Inhalt und den Interpretationsmöglichkeiten von Goethes “Faust” weltweit relevant ist, kann ebenso vortrefflich diskutiert werden, wie die Notwendigkeit des Erlernens von höherer Mathematik oder von Molekularbiologie.

Für wirklich wichtig halte ich heutzutage die Unterstützung der Ausbildung von grundlegenden "Fähigkeiten" wie:
  • Lesen und Schreiben (bzw. deuten und verwenden von Zeichen)
  • Rechnen (Arithmetik)
  • Kommunikationskompetenz
  • Medienkompetenz (mit deutlicher Abgrenzung zu Technikkompetenz)
  • Diskussion und Interpretation historischer Ereignisse
  • Diskussion und Interpretation wissenschaftlicher Erkenntnisse
  • Weiterentwicklung von Ideen
  • Selbstständiges Lernen
  • Teamwork
  • Problemlösungskompetenz
  • Empathie
  • Kritikfähigkeit
  • Selbstbewusstsein und -reflexion
  • Bewusstes Handeln
  • Objektivität
und insbesondere von "Werten" wie sie in der "Erklärung der Menschenpflichten" bzw. "A Universal Declaration of Human Responsibilities" zusammengefasst sind:
  • Verantwortungsbewusstsein
  • Achtung vor dem Leben
  • Gerechtigkeit
  • Solidarität
  • Fairness
  • Wahrhaftigkeit
  • Toleranz
  • Meinungsfreiheit
  • Gegenseitige Achtung
  • Wertschätzung
Aktuelle Entwicklungen mit viel Potential
Wir werden in Zukunft zunehmend offene MOOCs (Massive Open Online Course) zur Verfügung haben. Mit diesen Hilfsmitteln könnten sich beispielsweise junge, thematisch interessierte und engagierte Schülerin und Schüler, aber auch Erwachsene jeden Alters, universitär fortbilden. Wir werden intensive Interessen- und Lernfreundschaften über Altersklassen und Generationen hinweg finden. Wir können über OER (Open Educational Resources) einen Austausch von Lernmitteln auf internationaler Ebene kultivieren. Wir werden als junge oder ältere Menschen in Barcamps und in offenen Werkstätten jeglicher Art Fähigkeiten weiter entwickeln und uns über Meetups mit ähnlich interessierten, uns noch unbekannten Menschen in virtuellen oder real existierenden Räumen austauschen können. Wir werden neuartige Entwicklungen von kooperativem Arbeiten entdecken und neue Lern- und Arbeitsräume entstehen lassen.

Es wird vermehrt entscheidende Personen in Unternehmen geben, die Potentiale in Menschen sehen und fördern, unabhängig von einem linearen Lebenslauf oder sehr gutem Notendurchschnitt. Diese werden in Unternehmen oder Institutionen sitzen, denen thematisch begeisterte und in der Projektarbeit erprobte Mitarbeiter wichtig sind. Viele der Berufe, für die sich Schüler von heute in ein paar Jahren bewerben werden, existieren heute noch nicht. Sie werden erst entstehen und von Menschen ausgefüllt, die gelernt haben, Neues entstehen zu lassen und mit sinnvollen Tätigkeiten zu füllen.

Viele dieser Bewegungen sind in den vergangenen Jahren entstanden und werden weitere Ausprägungen erhalten. Sie werden das Bildungssystem, wie wir es heute noch überwiegend erleben, aus den Angeln heben und es nachhaltig verändern.

Die Veränderungen werden vermutlich harte Auswirkungen für diejenigen haben, die sich bequem und entwicklungshemmend in dem bisherigen System breit gemacht haben und versuchen ihre Bereiche vor Eindringlingen und vor einer Welle der Demokratisierung zu schützen – aber bei einer globalen Bewegung werden sie sich nicht vor der Veränderung schützen können.

Für alle, die eine Chance für eine positive Zukunft in diesen Veränderungen sehen, wird es eine Zeit geben, in der ihre Talente und ihr Engagement zu (hoffentlich) positiven Einflüssen führen wird. Sie werden Durchhaltevermögen beweisen müssen, aber das ist das Los der Avantgarde, der kreativen Spinner, der Vordenker, der Querdenker, derjenigen, die von einer besseren Zukunft träumen und dafür eintreten. Sie werden diejenigen sein, die Veränderungen bewirken. Sie werden die Welt verändern (frei nach Steve Jobs).

Seien wir also alle positive Lernbegleiter und Förderer von Potentialentfaltung, mit allen modernen, technischen Hilfsmitteln und Vernetzungen, die uns dafür zur Verfügung stehen. Dann wird das Bildungssystem im Jahr 2030, im Vergleich zum Jahr 2015 ein grundsätzlich besseres sein.

Eine Vision für Lernbegleitung in der Zukunft im Jahr 2030
“We always overestimate the change that will occur in the next two years and underestimate the change that will occur in the next ten. Don't let yourself be lulled into inaction.” William „Bill“ Henry Gates III (*1955)
Zum Abschluss und als Ausblick mache ich noch einen gewagten Schritt nach vorne und ergänze die aktuellen und zeitnahen Bewegungen im Bildungssektor mit drei Entwicklungen aus naheliegenden Disziplinen:
  • Semantische Netzwerke (z.B. sinnvolle Verknüpfung von Inhalten)
  • Kybernetik (z.B. biotechnologische Sensorik)
  • Gehirnforschung (z.B. Computer basierte Simulation des menschlichen Gehirns)
Diese drei Bereiche kombiniere ich nun und wende sie auf eine mögliche technologische Entwicklung in den kommenden 15 Jahren in Bezug auf Lernbegleitung an. Dabei kann das folgende skizzierte Szenario entstehen:
Wenn es in den kommenden Jahren möglich sein sollte, dass Lernprozesse mit Hilfe von sensorisch angereicherten, semantisch verknüpften Computersystemen begleitet, analysiert und individuell gefördert werden können, sind die Lernbegleiter der Zukunft insbesondere künstlich intelligente Werkzeuge. Werkzeuge, die in vielfältigen Ausprägungen individuelle Lernimpulse geben können und über entsprechende Sensoren erfassen können, ob sich der Lernende gerade in einer günstigen Lernsituation befindet und ob er neue Information verarbeitet, Verknüpfungen schafft und kreativ aktiv ist oder nicht. Diese Systeme werden möglicherweise sogar in der Lage sein, passende Methoden und Übungen zu entwickeln, die dem jeweiligen Individuum beim Erlernen von neuen Fähigkeiten helfen. Diese Werkzeuge werden hochkomplexe, individualisierte Systeme sein, mit einem Potential, welches wir uns heute nicht annähernd vorstellen können.

Die Aufgaben der menschlichen Lernbegleiter werden sich noch stärker weg von der Wissensvermittlung in Richtung Entwicklungsbegleitung und menschliche Wertevermittlung bewegen. Sie werden insbesondere Bezugs- und Entwicklungspartner für die Lernenden sein.

Es wird neue virtuelle und reale Lernräume geben, die mit heutigen Klassenzimmern, Vorlesungssälen oder Seminarräumen nur noch sehr wenig gemeinsam haben.

Eventuell wird es in Zukunft nicht nur ein quasi-standardisiertes Bildungssystem geben, sondern eine große Vielfalt von alternativen Bildungsmöglichkeiten, die individuell nutzbar sind.


Eine detailliertere Beschreibung der Optionen und Herausforderungen, die sich aus der Bereitstellung solcher Werkzeuge ableiten lassen, überlasse ich einem zukünftigen Blogpost. Hier lässt sich aber vorzüglich die Diskussion über die Demokratisierungsoptionen und die Herausforderungen der Infrastruktur Internet und der darauf basierenden Dienste erweitern.
“The best way to predict the future is to invent it.” Alan Curtis Kay (*1940), Informatiker

Links zum Thema:
Online-Kurs “Meine Schule transformieren – Ein Reiseführer”
Massachusetts Institute of Technology (english) 

Montag, Oktober 27, 2014

K2020 Online Vorlesung / Lecture – Hamburg/Moskau

(see english version below graphic)

Leider kann ich noch nicht wirklich viel mehr zu den Bildungsmöglichkeiten im Jahr 2030 schreiben (Anmerkung vom März 2015: mittlerweile gibt es ein paar Ideen dazu). Nun kann unser Team aber definitiv etwas zu einer potenziellen Möglichkeit im Jahr 2020 sagen, die wir persönlich getestet haben.

Wir haben am vergangenen Samstag von Hamburg aus unseren ersten Online-Vorlesungs-Vortrag für eine russische Hochschule (Fachbereich Integrierte Kommunikation) gehalten. Diese Erfahrung war so positiv, dass ich davon ausgehe, dass diese Art der Lehre und des kommunikativen Austauschs mit ziemlicher Sicherheit Teil der Bildungsrealität von Lukas (Vision 2020) sein werden.

Die Einladung von der HSE (Higher School of Economics) in Moskau hat unser Team etwas überrascht. Wir hatten das Glück, dass unsere Ansprechpartnerin mit guten Deutsch-Kenntnissen ausgestattet war und daher bei Recherchen auf unsere Kommunikation 2020 Projekte aufmerksam wurde. Da die Vorlesung jedoch englisch-sprachig sein sollte, standen wir vor der Herausforderung, unsere bisherigen Arbeiten in eine englische Vortragsform zu bringen. Dies haben wir scheinbar hinbekommen und haben nun auch überarbeitetes englisches Vortragsmaterial.

In den letzen Wochen konnten wir also nicht nur für diese Vorlesung eine international nutzbare Vortragsversion schaffen, sondern können nun auch anderen Schulen oder Hochschulen tiefere Einblicke in das "Media Clouds Category System", die "Media Realities 1960 - 2010" und die "Possible Future Vision 2020 + Vision 2030" bieten.

Comparison Chart 2010, 2020, 2030 from the lecture


Last Saturday we gave our very first online lecture from Hamburg to a Russian university (School of Integrated Communication). That was such a positive experience that I think this kind of teaching and communicative exchange could absolutely work as a part of Lukas’ educational reality (see Vision 2020 German version).

Unfortunately I can’t write much more about the educational opportunities in 2030 (additional information: since march 2015, we have some good ideas about a possible future of education) but our team definitely can tell something about a potential opportunity for 2020 that we already tried personally.

The invitation of the HSE (Higher School of Economics) from Moscow really surprised our team. We were lucky with our contact person as she had knowledge of German and found our Communication 2020 projects just reading up. The lecture had to be given in English though, thus we were faced with the challenge of translating our existing works into English. Happily we got it and now we have revised lecture material also in English.

For this lecture we have created not only an international version of the "Media Clouds" which also can be used by other schools and universities but also we can now provide an insight into topics like the “Media Clouds Category System”, the “Media Realities 1960- 2010” and the “Possible Future Vision 2020 + Vision 2030”

The future remains exciting.

Dienstag, Juni 26, 2012

Von der Lese-/Schreibkultur zurück zur Sprachkultur?

Vor einigen Jahrhunderten war in vielen Gesellschaften nur eine sehr kleine Gruppe der Bevölkerung in der Lage lesen und schreiben zu können. Geschichten und Neuigkeiten wurden in der Regel eher von Mensch zu Mensch per Sprache übermittelt. Redner oder Erzähler an Kaminfeuern, auf Versammlungsplätzen oder in Theatern waren die Übermittler von Überlieferungen und Informationen.

Der Weg zur Lese-/Schreibkultur
Durch den Buchdruck und die gesellschaftlichen Veränderungen, die diese Technologie begleiteten, hat sich die menschliche Welt in weiten Teilen zu unserer modernen, globalen Zivilisation entwickelt. Es hat insbesondere in den industrialisierten Regionen der Erde eine vollständige Umorientierung in Bezug auf die alltägliche Weitergabe von Geschichten und Informationen stattgefunden. Wir sind über Jahrhunderte hinweg zu Gesellschaften mit einer starkt ausgeprägten Lese- und Schreibkultur geworden. Letztendlich war geschriebenes Wort auf Papier ein ideales Mittel, um Informationen jeglicher Art über Generationen hinweg und vervielfacht verfügbar zu machen.

Da die Darstellung von Geschichten als Bildform sehr lange Zeit (und zum Teil noch heute) als in der Produktion zu aufwendig und im Druck zu kostspielig galt und gilt, wurde und wird überwiegend auf einfache Buchstaben als Informationstransfer-Code zurückgegriffen. Geschriebenes Wort zählt in vielen Fällen mehr als das gesprochene Wort. Es gibt viele Menschen, die auf Papier geschriebenen oder gedruckten Worten mehr vertrauen, als den gleichen Worten in gesprochener Form. Vielleicht weil das Gesprochene so flüchtig ist und man die Information auf Papier immer wieder "überprüfen" kann.

Das ginge schon seit Jahren auch anders. Aber moderne Informationstechnologien zur Geschichten- und Informationsdarstellung, wie Audio- und Videoaufnahmen haben in weiten Kreisen der Gesellschaft noch nicht die seriöse Etablierung gefunden, wie das geschriebene Wort. Die Industrien, die sich um das gedruckte Wort etabliert haben, kämpfen auch mit vielen Mitteln dafür, dass dies so bleibt und sie nicht an Bedeutung verlieren. Das tun sie aber dennoch – eine Veränderung findet auch dann statt, wenn man es nicht wahrhaben will.

Die Verdrängung oder Verleugnung von Veränderungstendenzen ist sicherlich ein Phänomen, welches Wissenschaftler verschiedener Fachrichtungen ebenso verschieden beschreiben und erklären können. Darauf werde ich hier nicht weiter eingehen.

Die neue Lese- und Schreibfaulheit
Nun habe ich in den vergangenen Jahren häufig von einer Verarmung der Lesekultur und einer gewissen Lese- und Schreibfaulheit der nachwachsenden Generationen gehört und gelesen. Videos und Fernsehsendungen sind für einen zunehmenden Anteil von Menschen wichtiger geworden als gedruckt, geschriebene Geschichten oder Informationen. Und selbst dort, wo noch Text eingesetzt wird, verändert sich die Nutzung. In Chats, bei SMS und in Tweets wird sich einer neuen, völlig verkürzten Sprache bedient und längere Texte in E-Mails oder bei Nachrichtentexten werden im Alltag immer seltener vollständig gelesen. Ebenso hat sich das Schreiben von Alltagstexten verändert: Häufig wird der Schwerpunkt auf eine kurze, geraffte Zusammenfassung von Informationen gelegt – was jedoch nicht nur auf die Nutzung von geschriebenen Texten in jüngeren Generationen zutrifft.

Die neue Hör- und Sprechkultur
Es scheint sich derzeit zudem eine Technologie zu etablieren, die in Kombination zu den schon vorhandenen audio-visuellen Orientierungen die bisher bekannte Lese- und Schreibkultur langfristig aushebeln könnte: die Spracherkennung als Mensch-Maschine Interface und SIRI als ihre derzeitige Galionsfigur.

Sobald wir und unsere Kinder uns daran gewöhnt haben, keine Texte mehr zu schreiben und zu lesen, um z.B. an Informationen im Web heranzukommen oder "Textnachrichten" nur noch zu diktieren, wird eine starke Veränderung der Bedeutung von geschriebenen Worten beginnen. Möglicherweise werden wir in Zukunft viele Informationen alleine über unsere Stimme abfragen können und die Ergebnisse ebenso auditiv wahrnehmen. Wir könnten uns auf technologisch hohem Niveau wieder in Richtung Sprachgesellschaft entwickeln. Dies muss nicht zwingend schlecht sein, denn evtl. ist das gesprochenen Wort ja doch nicht weniger wert, als sein geschriebenes Gegenstück – nur dessen Wertschätzung ist im Laufe der Jahrhunderte verkümmert.

Das ausgelagerte Gedächtnis
Etwas was uns vorangegangene Generationen jedoch voraus hatten – ein gutes Gedächtnis – werden wir wieder trainieren müssen. Ebenso werden wir wieder lernen müssen "besser zuzuhören". Alternativ werden wir uns aber vermutlich vollständig auf das virtuelle, technische Gedächtnis eines sich permanent verändernden "Weltwissens" im Web verlassen. Das ist vielleicht auch nur die moderne Form eines guten, erinnerungsstarken Redners auf dem Marktplatz oder einer gut sortierten Bibliothek.

Vermutlich sind wir nun technologisch an einem Punkt angekommen, zu dem die Informationstechnologie "geschriebenes/gedrucktes Wort" für die gesellschaftliche Entwicklung nicht mehr so wichtig ist (wie in zurück liegenden Jahrhunderten) und es "endlich" andere Mittel der Konservierung und Weitergabe von Geschichten und Informationen gibt, die selbst vor einigen Jahrzehnten noch für Science Fiction gehalten wurden.

Versteckte Medien
Mir fällt es auch noch schwer, mir quasi unsichtbare IT-Interfaces vorzustellen. Interaktive Medien, die nicht mehr haptisch sondern auditiv aufgebaut sind. Informationstechnologie, die als kleines Interface irgendwo im Raum oder am Körper positioniert ist und auf gestellte Fragen mit passenden Antworten daher kommt. Aber auch an eine solche Technologie werden wir uns gewöhnen. Ganz ähnlich wie es nach der Einführung von Mobiltelefonen in den 1990ern oder Smartphones in den vergangenen Jahren der Fall war.


P.S.: Diese Veränderung wird in Bezug auf Geräte- und Softwarebedienung bzw. die Beschaffung von Informationen einige sehr relevante Umorientierungen mit sich bringen. Aber darauf werde ich voraussichtlich ein anderes Mal eingehen.


Anmerkung zum Inhalt: der Text wurde am 28.06.2012 nachträglich verändert und ergänzt.

Dienstag, Februar 14, 2012

Veränderungen im Klassenzimmer: Herausforderungen für uns alle!

Heute bilde ich nur ein paar kurze Gedanken ab, die mich schon die letzten Tage und Wochen sehr beschäftigen. Für den heutigen Impuls für einen weiteren Blogeintrag hat eine in New York geführte Diskussion über "The Future of Higher Education + Classroom of the Future" im Rahmen der Social Media Week 2012 gesorgt (an der ich per Video-Livestream teilnehmen durfte).

Mir geht es hier mal wieder um die mögliche Zukunft von Lukas, unserem fiktiven Studenten im Jahr 2020. Was würde passieren, wenn in den kommenden Jahren die Klassenzimmer verstärkt mit Smart-Boards (digitalen Tafeln) und Social Web Feedback Boards (digitale Diskussionsflächen) ausgestattet würden?

Ob diese Neuerungen eine Verbesserung der Lehre ermöglichen, werden wir erst in vielen Jahren bewerten können. Ziemlich klar wäre aber jetzt schon, dass die Einführung von neuen Lehrmitteln bzw. Kommunikationsplattformen in Schulen, einen bedeutenden Einfluss auf die zukünftigen Erwartungen von jungen Erwachsenen in Bezug auf die Kommunikation und die Zusammenarbeit im Lehrbetrieb, im Studium, im Arbeitsalltag und in der Freizeit erzeugen werden.

Eine große Herausforderung stellt dies aber nicht nur für die Heranwachsenden (wie Lukas) dar, die mit diesen Medien aufwachsen. Vielmehr sind wir alle gefragt, die wir ohne diese Möglichkeiten aufgewachsen sind. Es erfordert ein Umdenken im Umgang mit Informationen, Medien und Kommunikationsplattformen. Vermutlich wird der Veränderungsprozess viel Verständnis von allen Seiten erfordern.

Mit Blick auf unsere Grafik "Geschichte der Medienwolken 1960 – 2010" sehe ich ein wachsendes Potential für zukünftige Missverständnisse zwischen Mitarbeitern unterschiedlicher Generationen. Wenn nahezu jede Generation eine völlig unterschiedliche Medien- und Kommunikationssozialisierung erfahren hat, müssen die jeweiligen Erwartungen an "standardisierte" Vorgehensweisen und Nutzungsgewohnheiten neu überdacht werden...

Die Herausforderungen dieser Entwicklung könnte für uns "etablierte" Erwachsene möglicherweise schwieriger werden, als für die Heranwachsenden, die in diesem Jahrtausend geboren wurden und werden. Wir müssen deutlich mehr alte Gewohnheiten, liebgewonnene Arbeitsweisen und angebliches Wissen auf die Prüfsteine legen (lassen), als unsere jüngeren "Nachfolger".

Donnerstag, April 15, 2010

Medienkompetenz erarbeiten - lieber spät als nie

Kann sich der ein oder andere aus meiner Generation (Ende der Sechziger geboren) noch daran erinnern, wann er sein erstes technisches Spielzeug in den Händen gehalten hat - das heutzutage als Gadget bezeichnet würde? War das mit vier, sechs oder vielleicht doch erst mit zwölf, fünfzehn oder sogar fünfunddreizig?

Wenn ich heute so in die Hände so einiger Kinder schaue, fallen mir dort auf jeden Fall schon beim sehr jungen Nachwuchs Geräte wie iPod, NDS oder Mobiltelefon auf. Was jetzt vielleicht für einige Leser keinen wirklich hoher Nachrichtenwert bedeutet.

Allerdings steckt in dieser Beobachtung ein Generationswechsel von finanz- und entscheidungskräftigen Nutzern in spätestens zehn Jahren. Diese werden in den kommenden Jahren zunehmend technische Spielereien oder nützliche Anwendungen als Selbstverständlichkeit annehmen. Junge Frauen und Männer, die das Arbeiten am Computer und den Umgang mit mobilen Geräten als Art Kulturtechnik gelernt haben und natürlich damit umgehen. Als würden diese Geräte schon immer zu den Arbeitsmitteln der Menschen gehören.

Wird dann noch jemand den älteren Kollegen verstehen, der sich mit diesen Geräten und den digitalen Medien noch immer schwer tut?

Die digitale Welt gehört für junge Menschen schon längst zur analogen Welt dazu. In deutschen Verlagen, Agenturen und andere Unternehmen wird das zum Teil noch immer nicht bedacht. Nur selten werden Weiterbildungen oder Workshops im Bereich Medien- und Kommunikationskompetenz angeboten oder genutzt.

Ist dieses Wissen nicht wichtig? Wundere nur ich mich über Menschen, bei denen die Veränderungen in unserer Kommunikationswelt noch nicht wirklich angekommen sind – die aber für die Zukunft von hunderten oder tausenden von Mitarbeitern Entscheidungen treffen sollen?

Donnerstag, Juni 02, 2005

Der Autor


Hier schreibt Christoph Steinhard, Kreativ- und Kommunikationsberater aus Hamburg.

Als Begleiter bei der "Digitalen Transformation" unterstütze ich andere Menschen insbesondere als Impulsgeber, kreativer Sparringspartner und konstruktiv-kritischer Diskussionspartner. Darüber hinaus konnte ich bisher mit Beratung, Konzeption und der Entwicklung von Zukunftsszenarien namhafte Institutionen und international operierende Unternehmen bei der Weiterentwicklung unterstützen.

In den 1990er Jahren habe ich an der Westfälischen Wilhelms Universität in Münster ein sehr vielfältiges Studium in den Fächern Kommunikationswissenschaft, Pädagogik und Kunstgeschichte gelebt und absolviert. Das Thema meiner Magister-Abschlussarbeit lautete „Werbung im World Wide Web – Perspektiven und Probleme“ und beschäftigt sich mit den Ende der 90er Jahre aufkommenden Formen von Werbung und Unternehmensdarstellungen im WWW.

Schon seit meiner Jugendzeit in den 1980er Jahren konnte ich die zunehmende Digitalisierung von Medien und die Nutzung digitaler Werkzeuge selbst erleben. Ich habe diese Veränderungen sehr interessiert beobachtet und in einigen Bereichen auch begeistert genutzt. Seit Anfang der 1990er war ich in der Lage, bei der Gestaltung dieser Transformation mitzuwirken und aktiv andere Menschen dabei zu begleiten, unterschiedliche digitale Werkzeuge in den Arbeitsalltag zu integrieren oder den sinnvollen und kreativen Umgang mit neuen Medienformaten zu üben. Diese Begleitung führe ich bis heute fort und versuche damit einen Teil zu mehr Medienkompetenz und einem mehr an kreativer Auseinandersetzung mit verschiedenen Medien-Formaten in unserer Gesellschaft beizutragen.

Diesen Blog habe ich begonnen, um einige meiner Erfahrungen mit Menschen zu teilen, die ich nicht persönlich treffen kann. Auf diese Weise hoffe ich, Impulse zu den Themen Digitalisierung, digitale Kreativ-Werkzeuge und gesellschaftliche Veränderungen weitergeben zu können.  

Ich wünsche allen Blog-Leser*innen kreative und konstruktive Gedanken beim Lesen der Blog-Beiträge.

Herzliche Grüße

Christoph Steinhard